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Konfirmandinnen und Konfirmanden
(Auszug aus: "In Gottes Namen. Impulse für eine nachhaltige Konfirmandenarbeit")
Die „RAHMENRICHTLINIEN“der Evang.-Luth. Kirche in Bayern fordern, dass „die Lebenswelt, die Erfahrungen und die Fragen der Konfirmanden und Konfirmandinnen Ausgangs- und Zielpunkt aller zu behandelnden Inhalte und Themen“ (S. 14) sein sollen. Damit wird der Impuls der EKD-Orientierungshilfe „GLAUBEN ENTDECKEN“ zu einem „Perspektivenwechsel“ in der Konfirmandenarbeit aufgegriffen: Die Jugendlichen sollen „als Partnerinnen und Partner am Unterricht selbst beteiligt“ werden (S. 54)
Nun wäre es vermessen, hier „die Lebenswelt, die Erfahrungen und die Fragen“ der Konfis auch nur annähernd beschreiben zu wollen. Dafür ist "die Lebenswelt" der Jugendlichen zu vielgestaltig. Die Erfahrungen und Fragen der einzelnen Jugendlichen sind verständlicherweise auch nicht zugänglich und beschreibbar. Deshalb verfolgt dieser Ansatz gerade nicht das Ziel, gleichsam vorher schon zu wissen, wie die Mitglieder einer bestimmten Konfi-Gruppe „ticken“. Vielmehr sollen die Jugendlichen immer wieder Gelegenheiten bekommen, ihre Fragen und Erfahrungen sowie Aspekte ihrer Lebenswelt aktiv in die Lernprozesse einzubringen. Nur um zu unterstreichen, dass es in der Konfirmandenarbeit eben in erster Linie um die Jugendlichen selbst gehen muss, sollen hier trotzdem einige Beobachtungen an den Anfang gestellt werden.
Die Konfis sind Schülerinnen und Schüler
Durch die Entwicklungen auf dem Arbeitsmarkt sind sie schon früh unter den Druck geraten, einen möglichst hohen Bildungsabschluss zu schaffen. Dreiviertel der Konfis sind denn auch Realschüler oder Gymnasiasten. Wer in der siebten oder achten Klasse die Hauptschule besucht, fühlt sich als zum „Rest“ gehörig.
Dieses Gefühl belastet die Jugendlichen mindestens so stark wie die tatsächlichen Berufsaussichten. Die objektive und subjektive Bedeutung eines höheren Bildungsabschlusses führt andererseits gerade an weiterführenden Schulen zu Versagensängsten. Dazu kommt die Unsicherheit, ob man sich später wohl für die richtige Ausbildung entscheiden kann.
Aufgrund dieser Situation haben viele Jugendliche heute eine ziemlich professionelle Einstellung zur Schule: Schüler/in-Sein ist ihr Beruf. Sie gehen zur Schule, wie ihre Eltern zur Arbeit gehen. Hier wie dort versucht man, das zu bringen, was von einem erwartet wird. In der Schule wird gelernt und das gesagt oder geschrieben, was die Lehrerinnen und Lehrer hören bzw. lesen wollen. (Für das Fach Religion wird hier vom „Religionsstunden-Ich“ gesprochen.) Und nach der Schule und den unvermeidlichen Hausarbeiten möchte man sich ausruhen, mit Freund/innen treffen, Sport treiben oder am Computer spielen. Allem, was am Nachmittag nach Schule aussieht (Konfirmandenarbeit, Jugendgruppe), wird deshalb zunächst einmal mit Unlust begegnet.
Dies wird zu einer großen Herausforderung für die Ausweitung des Schulbetriebs in den Nachmittag hinein. Damit die Schülerinnen und Schüler die Schule auch als „Lebensraum“ akzeptieren, muss sich die Organisation des Unterrichts entscheidend wandeln. Für die Konfirmandenarbeit stellt das achtstufige Gymnasium und der geplante Ausbau der Hauptschulen zu Ganztagesschulen in jedem Fall ein großes Problem dar: Wenn die Konfis bis 16.00 Uhr in der Schule sind, kann der Konfirmandenunterricht am Nachmittag frühestens um 17.00 Uhr beginnen – mit Jugendlichen, die dann schon einen ganzen „Arbeitstag“ hinter sich haben!
Die Konfis sind in der Pubertät
Konfirmandinnen und Konfirmanden brauchen die Gruppe der Gleichaltrigen für eine positive Entwicklung in der Pubertät. Das Konfirmationsfest selbst markiert zwar schon lange nicht mehr den Übergang vom Kind zum Erwachsen. Aber schon rein biologisch bahnt sich doch im Alter von 12 bis 14 Jahren immerhin ein Verlassen der Kindheit an – mag das Erwachsenen sein auch noch in weiter Ferne sein.
Durch die Ausschüttung von Hormonen gestaltet sich der Körper des/der Jugendlichen um – wobei die Mädchen den Jungen im Durchschnitt um zwei Jahre voraus sind. Das jährliche Körperwachstum kann bis zu 10 cm betragen. Die primären und sekundären Geschlechtsmerkmale werden ausgebildet und das Wachstum der Körperbehaarung setzt ein. Die sexuelle Reifung wird mindestens ambivalent, oft als beängstigend erlebt.
Jugendliche im Konfirmandenalter müssen deshalb lernen, ihren eigenen, veränderten Körper zu akzeptieren und eine Identität vor dem Hintergrund ihrer bisherigen Geschichte zu entwickeln. Gleichzeitig müssen sie ein Gefühl dafür bekommen, was es heißt Mädchen bzw. Junge zu sein. Gute Kontakte zu Gleichaltrigen ermöglichen es den Pubertierenden, Freundschaften einzugehen und sich anderen Menschen anzuvertrauen. Dies ist v.a. deshalb wichtig, weil sich die Jugendlichen zwangsläufig emotional von den Eltern lösen müssen. Die frühere Idealisierung der Eltern (und Erwachsenen insgesamt) weicht einer realistischeren Sicht. Die Jugendlichen entwickeln Phantasien, wie sie es besser machen könnten als Vater und Mutter.
Verständlicherweise befinden sich die jungen Menschen in dieser Phase immer wieder in einem labilen Gleichgewicht. Sie ähneln Schalentieren, die im Wachstumsprozess ihren Panzer abgeworfen haben: Jetzt sind sie besonders verletzlich. Die Reaktion der Gleichaltrigen, der „wichtigen Bindungspersonen“, aber auch ihre eigene Selbstkritik können Jugendliche deshalb immer wieder von einem quasi-erwachsenen Auftreten blitzschnell auf ein regressives, kindliches Verhalten zurückwerfen. Eben noch hatte man einen „frechen Halbstarken“ gegenüber - und gleich darauf fängt er an zu weinen, wenn man ihn als einen solchen behandelt.
Durch die die Bereitstellung unzähliger neuer neuronaler Verschaltungsmöglichkeiten verfügen pubertierende Jugendliche über zunehmend mehr Fähigkeiten zu komplexeren Denkoperationen. Während etwa kindliche Glaubensvorstellungen immer mehr hinterfragt werden, wächst gleichzeitig die Fähigkeit zur Reflexion verschiedener Denkmodelle. Dies hat erheblichen Einfluss auf die Umgestaltung ihres Weltbildes. Wenn ihnen in dieser sensiblen Lebensphase keine Möglichkeiten zur Reflexion ihrer Weltanschauung geboten werden, können Brüche entstehen, die sich auf ihren Glauben im Erwachsenenalter negativ auswirken.
Pubertierende brauchen deshalb geschützte Räume und Möglichkeiten für „Probehandeln“, wo sie – ohne belächelt oder gar ausgelacht zu werden – ihre Größenphantasien, Weltanschauungen und Lebensalternativen ausprobieren können. Da sich diese Phantasien auf das eigene Erwachsenenalter beziehen, sind „wichtige Bindungspersonen“ für eine gesunde Entwicklung in diesem Alter sehr wichtig. Natürlich gehören weiterhin die Eltern zu diesen „wichtigen Bindungspersonen“. Sie sind für viele Konfirmandinnen und Konfirmanden die größten Vorbilder.
Mädchen und Jungen
Wie schon erwähnt kommen Mädchen im Durchschnitt zwei Jahre früher in die Pubertät als Jungen. Dadurch sitzen in jeder Konfirmandengruppe auch immer wieder früh entwickelte und attraktive junge Mädchen kleinen, unschuldig wirkenden Buben gegenüber. Natürlich finden die meisten Jungen diese Konfirmandinnen begehrenswert. Aber sie haben bei ihnen keine Chance, weil diese eben für ältere Jungen schwärmen.
In dieser Notlage zeigen manche Jungen ein Balzverhalten, das häufig quasi-männliche Züge annimmt: Sie sind frech gegenüber Erwachsenen, rauchen, trinken Alkohol und benehmen sich rüpelhaft gegenüber anderen Gleichaltrigen – je nachdem, was ihnen aus Medienkonsum und Beobachtung als besonders beeindruckend erscheint.
Die Notlage vieler Jungen wird noch dadurch verstärkt, dass die Mädchen im Durchschnitt erfolgreicher in der Schule sind. Dies scheint damit zusammenzuhängen, dass Mädchen zum einen eine höhere Sozialkompetenz haben und außerdem tatsächlich besser zuhören können. Durch Zuhören, Lesen und Schreiben erzielen sie bessere Noten als Jungen, weil sie eben das Gehörte besser „eins zu eins“ wiedergeben können als Jungen. Die Jungen – und übrigens auch die meisten Mädchen – lernen dagegen am besten und nachhaltigsten, wenn sie etwas selbst tun und ausprobieren dürfen. Aber solches Lernen kommt eben in den meisten Schulen noch viel zu wenig vor.
Die Religion der Konfirmandinnen und Konfirmanden
Die häufig zitierte Beobachtung, dass die Konfis heute „nichts mehr an religiösem Wissen mitbringen“, könnte mit unterschiedlichen Gründen zusammenhängen, z.B.:
Die Jugendlichen könnten sich schämen oder weigern, in der Öffentlichkeit der Konfirmandengruppe das einzubringen, was sie kennen und wissen.
In der Schule könnten die religiösen Inhalte unverknüpft angeboten, als „Stoff“ gelehrt und „bulimisch“ gelernt worden sein; dann stehen sie auch nicht nachhaltig zur Verfügung.
Es könnte sein, dass die Jugendlichen lieber gar nichts sagen, bevor sie etwas „Falsches“ sagen. Wenn Konfirmandinnen und Konfirmanden aber z.B. die Möglichkeit haben, anonym zu ihrem Glauben bzw. zu Glaubensthemen Stellung zu nehmen, wird ein ganz anderes Bild sichtbar:
- Nur jede/r zehnte Jugendliche erwartet schlicht nichts nach dem Tod. Etwa die Hälfte der Jugendlichen glaubt, dass man nach dem Tod zu Gott, in den Himmel oder ins Paradies kommt. Etwa jede/r fünfte kann (oder will) dazu keine Angaben machen.
- Die meisten Konfirmandinnen und Konfirmanden glauben an Gott. Ein gutes Drittel von ihnen begründet dies damit, dass Gott für sie da ist und ihnen (nach dem bzw. durch das Beten) hilft bzw. sie tröstet oder ihnen Kraft gibt. Auf die Erschaffung der Welt als Grund für seinen/ihren Glauben verweist etwa jede/r zehnte Jugendliche.
- Etwa jede/r dritte Jugendliche ist sich unsicher, ob er/sie an Gott glauben kann. Als Gründe dafür wird v.a. der Mangel an Beweisen für Gottes Existenz bzw. anscheinend gegenteilige Erkenntnisse der Naturwissenschaften sowie das Leiden und die Ungerechtigkeit in der Welt angegeben.
- Nur etwa jede/r achte Jugendliche gibt an, nie zu beten. Ein Viertel der Jugendlichen betet regelmäßig oder gar täglich (meistens am Abend). Ein weiteres Drittel betet manchmal bzw. in bestimmten Situationen, vor allem, wenn es ihnen nicht gut geht oder vor Schulaufgaben. Jede/r fünfte Jugendliche betet nicht aus eigenem Antrieb, sondern beinahe ausschließlich im Zusammenhang von Gottesdienst, Religions- oder Konfirmandenunterricht.
Jugendliche und Medien
Jedes Jahr veröffentlicht der "Medienpädagogische Forschungsverbund Südwest" eine Studie "Jugend, Information, (Multi-)Media". Erhoben werden neben den non-medialen Freizeitaktivitäten der 12- bis 19-Jährigen z.B. auch ihr Fernseh-Verhalten sowie die Nutzung von Handy, Computer und Internet.
Die aktuelle Studie finden Sie hier.

