Bußtag 2011

„Genug ist Genug“ -

Impulse für die Konfirmationsarbeit am Bußtag 2011

 

Hinführung

Seinem Wesen nach ist der Bußtag auf das gemeinschaftliche Leben bezogen. Das Missverständnis eines kirchlichen Feiertags war wohl mitursächlich für seine Abschaffung als gesetzlicher. Vermutlich hat vor allem die Erweiterung „Bettag“ dazu geführt, dass dieser Tag im Zusammenhang abnehmender Relevanz christlich-religiöser Handlungen in unserer Gesellschaft zur Disposition gestellt wurde: Die kirchlichen Angebote am „Buß- und Bettag“ wurden weitgehend lediglich als Einladung zur persönlichen Besinnung und Erbauung verstanden und konnten deshalb die Plausibilität einer genauso notwendigen gesellschaftlichen Neuorientierung nicht leisten.

Anders als bei den Kampagnen der letzten Jahre wird in diesem Jahr die Verschränkung von individueller Besinnung und gesellschaftlicher Neuorientierung wieder offenkundig: Der Kampf gegen Umweltzerstörung und Klimawandel fängt beim Einzelnen an. Umgekehrt haben staatliche Maßnahmen bei der Energiewende oder gegen den so genannten Kasino-Kapitalismus immer auch Auswirkungen auf die Lebensweise einzelner Bürger. Deshalb ist die diesjährige Bußtags-Kampagne eine wichtige Zeitansage für unsere Gesellschaft.

Im Kontext kirchlicher Bildungsarbeit bietet der Bußtag wieder die Möglichkeit, sich mit der Gottesfrage zu beschäftigen: Was ist eigentlich dein/unser Gott? Ausgehend von Martin Luthers Definition („Woran du dein Herz hängst, das ist eigentlich dein Gott“; Großer Katechismus, Auslegung des 1. Gebots) kann ich „Gott“ verstehen als Fokus oder Integral meiner Weltanschauung und Wertehaltung. Es ist einsichtig, dass die Ausrichtung auf einen rein persönlichen Gott nicht zukunftsfähig ist, schon gar nicht im jüdisch-christlichen Kontext: Die Ebenbildlichkeit des einen Gottes mit allen Menschen impliziert die ständige Suche nach diesem einen Gott. Das „Anbeten“ von vielen (persönlichen bzw. Stammes-) Göttern muss zum Auseinanderfallen des „Volkes Gottes“ führen. Andererseits braucht der institutionalisierte Kult die persönliche Gottesbeziehung, damit er nicht zur Folklore verkommt. Das „Vater unser“ Jesu verbindet beide Aspekte auf schier unübertreffliche Weise: höchst persönliche und gemeinschaftliche Beziehung.

Das Motto

Ähnlich dem Motto des Bußtages 2010 („Auf was wartest du?“) ist auch das diesjährige mehrdeutig:

  • „Genug ist genug“ kann gedeutet werden als: „Es reicht, wenn du genug zum Leben hast. Was darüber hinausgeht, ist unnötig, unverantwortlich …!“ (vgl. Kontexte I)
  • „Genug ist genug“ kann auch als Ausdruck von notwendiger Ungeduld verstanden werden: „Es reicht jetzt! Jetzt muss sich etwas ändern!“ (vgl. Kontexte II)

Gleichzeitig wirft das Motto Fragen auf:

  • Wie viel ist „genug“? So begnügt sich vielleicht der eine Jugendliche mit 30 Euro Taschengeld pro Monat und kommt gut damit aus. Dagegen genügen einem anderem 100 Euro nicht, weil er andere Ansprüche hat und deshalb mehr Geld für Anschaffungen oder Erlebnisse braucht.
  • Wofür muss etwas genügen? Was bedeutet für mich zum Beispiel Urlaub? Genügt es mir, zuhause unverplante Zeit zu haben? Brauche ich das Besondere – und denke ich dabei eher an Fahrrad-Tour oder an Tauchen auf den Malediven?
    Was bedeutet mir mein Auto? Genügt mir ein Kleinwagen, weil er mich günstig an Orte bringt, die ich mit öffentlichen Verkehrsmitteln nicht erreiche? Oder brauche ich ein Mittelklasse-Fahrzeug, um auch längere Fahrten einigermaßen bequem bewältigen zu können?
  • Wenn „genug“ so viel ist wie „ausreichend“ – was heißt das im Blick auf gesellschaftliche  Zusammenhänge? „Ausreichend“ ist in der Schule die drittschlechteste Note. Sie wird vergeben, wenn ein Schüler/eine Schülerin etwa die Hälfte der geforderten Leistung erbracht hat – und damit hat er/sie kaum eine Chance auf dem späteren Arbeitsmarkt. Denn unsere Gesellschaft ist nicht auf „genug“, d.h. „ausreichend“ oder „befriedigend“ hin orientiert. Selbst mit der Bewertung „gut“ scheint es nicht getan – der eigene Körper, gekaufte Produkte, bestellte Leistungen sollten „perfekt“, „1 A“ bzw. „Premium“ sein (vgl. Kontexte III).

Anregungen

Für die Beschäftigung mit dem Bußtags-Motto und -Anliegen bietet sich eine öffentlichkeitswirksame Aktion an, die mit der Konfi-Gruppe vorbereitet und gestaltet wird – z.B. in der Fußgängerzone oder auf einem öffentlichen Platz mit Passantenverkehr.

Die Idee ist, dass die Jugendlichen mit dem Aufruf „Genug ist genug“ bzw. mit einer entsprechenden Frage auf Mitmenschen zugehen und sie dadurch zum Nachdenken bzw. zur Stellungnahme animieren.

Die folgenden Punkte sind als Anregungen für die Vorbereitung (in der Woche vor dem Bußtag?) und die Durchführung (am Vormittag des Bußtages) gedacht, die im günstigsten Fall bei den LeiterInnen von Konfi-Gruppen zu umsetzbaren Ideen führen.

1. Wörter-Puzzle „GENUG“

Die Gruppe wird in Kleingruppen à drei bis höchstens fünf Jugendliche aufgeteilt. Jede Gruppe erhält ein Arbeitsblatt. Die Aufgabe lautet: „Bildet aus den Wortkarten und selbst geschriebenen Wörtern so viele sinnvolle Sätze wie möglich!“ (Arbeitszeit: ca. 10 Minuten)

Im anschließenden Plenum werden die Ergebnisse vorgestellt: Welche Gruppe hat die meisten sinnvollen Sätze? Einzelne Sätze müssen wahrscheinlich erläutert werden. Welche Botschaften hat die Konfi-Gruppe gefunden? (Die Leitung greift einzelne auf und stellt sie zur Diskussion: Welche Konsequenzen hat das …?)

2. Assoziationen zum Plakatmotiv

Die Konfi-Gruppe betrachtet gemeinsam das Plakat zum Bußtag (download: www.busstag.de; Präsentation per Beamer oder farbigem Ausdruck, evtl. in mehrfacher Ausgabe):

  • Welche Gefühle erzeugt es?
  • Woran erinnert es?
  • Wozu ruft das Plakat auf?

3. Erläuterungen zum Bußtag

  • Ein paar Worte zur Bedeutung des einheitlichen Bußtags (s. oben und z.B. „Wikipedia“ > „Bußtag“)
  • Der Ruf zur Umkehr in der Bibel: Jona 3 oder Matth 3,1-12
  • Buße/Umkehr = Änderung der Lebens-Einstellung; auf dem bisherigen Weg umkehren, um nicht selbst Schaden davon zu tragen

4. Körper-Übung

  • Sechs oder acht Freiwillige (je nach Größe der Gruppe und des Raumes) machen ein kurzes, erfahrungsorientiertes Spiel. Die anderen sind „aufmerksame Beobachter“. Die Freiwilligen bilden Tandems: Einer/einem werden die Augen verbunden. Der/die Andere geleitet sie/ihn durch ein Feld aus wahllos aufgestellten Stühlen. Die „Blinden“ gehen gleichzeitig. Die „Führer“ dürfen ihre Partner nicht berühren und dürfen nur durch Zuruf steuern.
  • Bei der anschließenden Auswertung werden zuerst die „Blinden“, dann die „Führer“ und schließlich auch die „aufmerksamen Beobachter“ gehört: Was habt ihr empfunden/gesehen? Was war wichtig …? (Vermutete Äußerungen: Es war zuerst schwierig, den richtigen „Führer“ herauszuhören. Einfacher wurde es, als ich jedes Mal beim Namen gerufen wurde. Auf „lockende“ Rufe aus der Nähe kann man sich leichter einlassen als auf dirigierende aus der Ferne …)
  • Diese Ergebnisse werden auf das profetische Auftreten übertragen: Wie müsste wohl heute der „Ruf zur Umkehr“ aussehen, damit er gehört und befolgt wird? Die Äußerungen der Jugendlichen werden auf einem Flipchart o.ä. festgehalten.

5. Einladung zum Projekt „Bußtags-Aktion“

Leitung: „Ich möchte, dass wir am Buß- und Bettag eine Aktion (auf dem Marktplatz, im Einkaufszentrum …) machen. Unsere Aktion soll unter dem Motto stehen: Genug ist genug. Und diese Aktion müssen wir jetzt vorbereiten. Wir müssen gemeinsam überlegen, was wir genau machen; was wir sagen oder tun usw. …“

6. Vorbereitung der Aktion

Die Motivation der Jugendlichen dürfte stark steigen, wenn sie an dieser Stelle einen oder zwei „Flashmob“-Videos anschauen (z.B. www.youtube.com/watch?v=_PR5mXyYils oder www.youtube.com/watch?v=KNFcIn-IP5w).

Überlegungen im Einzelnen:

  • Was wollen wir den Leuten genau sagen mit dem Aufruf „Genug ist genug“?
    (Hier kann vielleicht das Stöbern in aktuellen politischen Zeitschriften Ideen frei setzen. Auch Kopien von Internet-Artikeln zu den einschlägigen Themen können helfen. Mit dem Thema „Teilhabe-Gerechtigkeit“ beschäftigt sich z.B. die Seite
    www.attac.de/was-ist-attac/gruppen/?L=2&ognum=10007.)
  • Welche Aktion unterstreicht unsere Botschaft, unser Motto?
    (Wenn die Gruppe auf keine geeignete Idee kommt, kann eine Aktion analog den „Segensfliegern“ vom Reformationstag - www.geistreich.de/experience_reports/524 - vorgeschlagen werden.)
  • Wie können wir eventuell noch weitere Personen aktivieren und informieren?
  • Wie kann die Botschaft noch zusätzlich dargestellt werden? (Plakate? Interviews? Pantomime …?)
  • Soll die Aktion gefilmt werden? Wozu?

7. Durchführung

Für die Durchführung ist u.a. die Vereinbarung wichtig, auf welches Signal hin (Uhrzeit, Pfeifton etc.) die Aktion beginnt. Und selbstverständlich darf niemand dabei zu Schaden kommen! Und es darf kein Müll zurückgelassen werden!

8. Veröffentlichung

  • Ein Handy-Video kann auf eine der bekannten Plattformen (youtube, facebook etc.) hochgeladen und dann verlinkt werden. Wenn die Jugendlichen es selbst von Handy zu Handy weitergeben, ist es ausnahmsweise einmal etwas Sinnvolles ;-). So kann die Aktion auch noch weitere Kreise ziehen.
  • Die Ergebnisse der Konfi-Gruppe können – auch ohne (Flashmob-) Aktion – in den Gottesdienst am Buß- und Bettag einfließen.
  • Plakate sollten einige Zeit lang im Gemeindehaus bzw. in der Kirche aufgehängt werden.
  • Vielleicht schreiben die Jugendlichen auch einen Artikel für den Gemeindebrief und/oder für die regionale Tageszeitung.


Herbert Kolb, RPZ Heilsbronn (09/2011)

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