Die Konfis lernen auch am Sonntag

Ein Plädoyer für einen kreativen Umgang mit Organisationsproblemen in der Konfirmandenarbeit

von Herbert Kolb

 

Die Einführung des achtstufigen Gymnasiums stellt die Organisatoren von Konfirmandenarbeit vor Probleme. Sie werden wahrscheinlich noch größer, wenn die – an sich sehr begrüßenswerte – Umgestaltung der Hauptschulen in Ganztagesschulen abgeschlossen sein wird. Dann wird wohl unter der Woche ein Konfirmandenunterricht[1] vor 17.00 Uhr unmöglich werden - und danach eine echte Herausforderung. Das Wochenende ist häufig durch andere Aktivitäten blockiert: Sport, Musik, Ausflüge und der Besuch beim getrennt lebenden Elternteil. Diese Situation kann die Unterrichtenden zum Verzweifeln bringen – oder zum Ausprobieren neuer Modelle.

"Wann sollen wir in Zukunft eigentlich Konfirmandenunterricht machen, damit am Ende auch was dabei herauskommt?" fragen mich deshalb seit einigen Monaten immer wieder haupt- und ehrenamtliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in der Konfirmandenarbeit. Ich möchte diese Frage wörtlich nehmen und empfehle im Folgenden ein "Misch-Modell" (unter Einbeziehung des Sonntagvormittags!), das die einzelnen Organisationsformen vom Leitziel für die Konfirmandenarbeit und von den jeweiligen Inhalten abhängig macht.[2] Dahinter steht die Überzeugung, dass alle Beteiligten und Betroffenen (Konfis, Teamer, Eltern, Trainer etc.) dann kooperativer sind (und z.B. das eine oder andere Fußballspiel verlegen), wenn sie frühzeitig informiert wurden und den Wert der Konfirmandenarbeit erkannt haben.

Zuerst Ziele und Wege festlegen, dann erst Formen suchen

Unterrichtende haben – bewusst oder nicht – bestimmte Ziele im Blick auf ihre Konfirmandenarbeit. Die Konfis sollen etwa in Glaubensdingen sprachfähig, "religiös kompetent" werden, eventuell die Kirchengemeinde als Ort kennen lernen, an dem Gottvertrauen "gelernt" werden kann. Andere möchten, dass die Konfis in erster Linie "Spaß haben". Sie sollen sich gerne an ihre Konfirmandenzeit erinnern und eine positive Einstellung gegenüber der Kirche bekommen.

Wie auch immer: Auf dem Weg dorthin muss es unterschiedliche Angebote geben, die diese Intentionen unterstützen. Deshalb wird es wohl darum gehen, sich mit Glaubenszeugnissen aus der Bibel und aus der Geschichte zu beschäftigen. Nicht um auf diese hin normiert zu werden, sondern um sich mit ihnen aktiv zu beschäftigen. Ich versuche, meinem Glauben eine Gestalt zu geben: So sehe ich "Gott und die Welt"! Und dann beschäftige ich mich mit dem, wie die anderen "Gott und die Welt" sehen: die anderen aus meiner Gruppe und die, die vorher und in anderen Situationen – in Bibel und Tradition – ihren Gottesglauben und ihre Weltsicht zum Ausdruck gebracht haben.

Außerdem wird es vielleicht darum gehen, mit Menschen zu sprechen, die sich in einer besonderen Weise mit den Grundfragen des Lebens beschäftigen: z.B. mit einem Bestatter, der jeden Tag mit Toten und ihren Angehörigen zu tun hat? Es wird darum gehen, die Angebote der Kirche darzustellen und auf ihre Tauglichkeit und Relevanz für einen eigenen Lebensentwurf zu befragen. Und natürlich wird es darum gehen, aus den mehr oder weniger vielen Einzelnen eine Gruppe zu machen, in der man es wagt, die persönliche Sicht zu äußern.

Wer auf diese Weise die Organisation der eigenen Konfirmandenarbeit angeht, wird sich erst jetzt fragen: Welche Organisationsformen, welche Räume, welche Mitarbeiter, welche Zeitstruktur brauche ich dafür? Ein alter Leitsatz aus der Architektur drückt das prägnant aus: form follows function. Es ist nicht sinnvoll, sich zuerst um eine bestimmte Anzahl freier Zeiten zu kümmern, die dann irgendwie "gefüllt" werden. Sinnvoll – und effektiv (!) – ist es vielmehr, sich mit den Jugendlichen auf eine Aufgabe und Herausforderung einzulassen, für die eben ein bestimmtes Maß an Zeit nötig ist.

Alles hat und braucht seine Zeit

In der Anfangsphase der Gruppe brauche ich mindestens einen langen Nachmittag, am besten sogar ein Wochenende, an dem die jeweiligen Charismen der einzelnen Jugendlichen zum Tragen kommen können und nicht gleich alle auf ihre intellektuellen Fähigkeiten angesprochen werden. Ähnlich verhält es sich bei den angesprochenen Kontakten mit einzelnen Menschen: Die müssen vorbereitet werden; sie brauchen Zeit für die Begegnung und für die Reflexion, wenn tatsächlich "am Ende etwas dabei rauskommen" soll.

Dagegen ist es für andere Aufgaben günstiger, wenn sich die Jugendlichen häufiger und kürzer treffen. Im Gemeindepraktikum geschieht dies schon seit langem: Paarweise oder zu dritt vereinbaren die Konfis einen Termin mit ihrer zuständigen Kontaktperson. Zwei oder drei werden sicher leichter einen Termin nach der Schule finden als 15 oder gar 25. Die können wahrscheinlich sogar mal während der Unterrichtszeit ein Praktikum im Kindergarten machen, wenn sie dafür ein entsprechendes Schreiben vom Pfarramt vorlegen können.

Für die Erkundung einer alten Kirche bietet es sich förmlich an, einen Abendtermin zu vereinbaren, wenn der (nur durch die Osterkerze erleuchtete) Raum eine geheimnisvolle Atmosphäre ausstrahlt. Solche Abendtermine können auch für das Hineinwachsen in die Liturgie des Sonntagsgottesdienstes und für das Miterleben ansprechender spiritueller Angebote genutzt werden.

Nach einer Befragung aus dem Jahr 2004[3] "fährt" fast ein Drittel der Konfi-Gruppen bereits ein Misch-Modell. Hier wird in der Regel ein wöchentlicher Unterricht angeboten, der durch ein bis drei Konfi-Tage erweitert wird. Diese Tage ersetzen dann in der Regel vier Wochentermine.

Diese Regelung hängt noch mit der früheren Anrechnung des Konfirmandenunterrichts auf das RU-Regelstundenmaß zusammen und unterstützt bei den Konfis die Einschätzung, dass es im KU um das Ableisten einer bestimmten Anzahl von Stunden geht. Wer seine Konfirmandenarbeit nach dem FFF-Prinzip gestaltet, lässt wahrscheinlich auch nicht jedes Mal zwei Konfi-Tage kurz aufeinander folgen – er bzw. sie schließt es aber auch nicht von vorneherein aus, dass sich die Gruppe nach einem gemeinsamen Samstag am Dienstag, Mittwoch oder Donnerstag darauf zu einem Vorhaben trifft, das diese zeitliche Nähe zum Vorausgegangenen braucht. (Dies kann z.B. im Rahmen einer Abend-Einheit sein, zu der auch die Eltern eingeladen sind und wo Ergebnisse des Konfi-Tages vorgestellt und evtl. weitergeführt werden.)

Zuordnung von Religionsunterricht und Konfirmandenarbeit

Die Frage nach der Organisation von Konfirmandenunterricht berührt auch dessen inhaltlichen Umfang: Was sollen die Konfis eigentlich lernen? Deshalb – und wegen der Ausweitung des Schullebens – ist eine bessere Profilierung und Zuordnung der beiden Lernorte Schule und Gemeinde unbedingt notwendig.[4] Während in der Schule (als Teil des öffentlichen Erziehungs- und Bildungssystems) die Schülerinnen und Schüler fähig werden sollen, von ihrem verfassten Recht auf Religionsfreiheit Gebrauch zu machen, sollen im Konfirmandenunterricht "Möglichkeiten mündiger Partizipation am Leben der Gemeinde lernend erschlossen werden".[5]

Das bedeutet für den Konfirmandenunterricht eine materiale Entlastung: "Zu oft leidet gerade der Konfirmandenunterricht, ohne dass sich die Unterrichtenden dessen immer bewusst sind, mehr als ein innovativer Religionsunterricht unter materialen Vollständigkeitsansprüchen. Dabei ist gar nicht nur an das berüchtigte Memorieren von Lernstoffen zu denken, sondern an eine mangelnde Exemplarizität, durch die (pars pro toto) an signifikanten religiösen Themen, Formen und Gestalten elementare Einsichten erschlossen werden könnten."[6]

Das heißt: Unter Umständen ist ein Teil der Konfirmandenzeit vergeudet, weil hier nichts anderes geschieht als im RU. Dagegen werden manche Praktiker einwerfen, dass die Konfis heute "kaum noch religiöses Wissen mitbringen" und dass dem "Traditionsabbruch" eben durch verstärktes Vermitteln von christlichem Basiswissen im Konfirmandenunterricht zu begegnen sei. Dabei wird allerdings übersehen, dass dieser "Traditionsabbruch" zu einem wesentlichen Teil mit denjenigen zusammenhängt, die vor 25 bis 50 Jahren konfirmiert "haben" und im Schnitt wahrscheinlich noch sehr viel auswendig lernen mussten. Und das häufig erwähnte "alte Mütterlein", das am Krankenbett den Psalm 23 oder 73, die Einsetzungsworte oder einen Kirchenchoral mitbeten oder mitsingen kann, hat vermutlich weder den einen noch den anderen nachhaltig im Konfirmandenunterricht gelernt – sondern (zumindest auch) im Gottesdienst.

Im Gottesdienst lernen

"Der Konfirmandenunterricht ist in seinem Kern eine von der Taufe her und auf das Abendmahl hin gedachte Sakramentenkatechese. Anders gesagt: Die für jeden (religiösen) Lernprozess notwendige Elementarisierung ist für den Konfirmandenunterricht als Konzentration auf Gottesdienst und Sakramente zu gestalten."[7] In den meisten KU-Modellen wird der (Sonntags-)Gottesdienst (wenn überhaupt) als ein Thema unter vielen behandelt. Die wenigsten Unterrichtenden werden sich wahrscheinlich länger als etwa zwei, höchstens drei Nachmittagsstunden damit beschäftigen. Meistens wird es um den richtigen Ablauf des Gottesdienstes gehen, damit die Konfis bei ihren festgelegten Pflicht-"Besuchen" einigermaßen wissen, was wann kommt.

Das ist natürlich nicht unwichtig. Aber es reicht nicht aus, um die Bedeutung des Gottesdienstes als "Ort religiöser Bildung"[8] erfahrbar zu machen. Damit ist nicht in erster Linie die intellektuelle Bildung durch die Predigt gemeint, vielmehr ist es genauer betrachtet die Liturgie, die "als geeignetes Medium religiöser Bildung" erscheint: "Der symbolische und rituelle Raum des Gottesdienstes wahrt und fördert einerseits die Freiheit und Individualität der Teilnehmer und trägt so zur Subjektentwicklung bei, andererseits kommt er dem modernen Bildungsbegriff durch gemeinschaftliche und dialogische Elemente entgegen."[9] 

Für die Organisation von Konfirmandenunterricht bedeutet das, dass die Jugendlichen auf eine sorgfältige Weise in den Gottesdienst eingeführt und bei der Gestaltung der Gottesdienste immer wieder beteiligt werden. Gemäß dem FFF-Prinzip bietet sich dabei eine "Intensivphase Gottesdienst" nach einem Konfirmandentag zur Einführung in die Liturgie an: Über einen Zeitraum von 4 bis 6 Wochen trifft sich die Konfi-Gruppe wöchentlich, um den vergangenen Gottesdienst zu reflektieren und den kommenden vorzubereiten. So kommen die Jugendlichen mit der Zeit leichter "in den Gottesdienst hinein". (In einigen Gemeinden wird dieser Ansatz dadurch unterstützt, dass sich die Gruppe am Sonntagmorgen zum gemeinsamen Frühstück trifft, dann gemeinsam zum Gottesdienst geht und anschließend das Erlebte reflektiert.)

Wer in der Konfirmandenarbeit um Nachhaltigkeit bemüht ist, kann im Grunde gar nicht darauf verzichten, den Sonntagsgottesdienst in das Konzept lebenslangen und "generationenübergreifenden"[10] Lernens zu integrieren. Angesichts der Zeitnot heutiger Jugendlicher kann ein solches Konzept gleichzeitig die Organisatoren von Konfirmandenarbeit entlasten. Denn der Gottesdienst findet auf jeden Fall statt. Auch noch lange nachdem die Jugendlichen konfirmiert und deshalb nicht mehr zum Gottesdienst gehen müssen. Wer aber den Sonntagsgottesdienst nicht (nur) als lästige Pflichtübung ansieht, die man unter Androhung von Strafe (Ausschluss von der Konfirmation bzw. Wiederholung des Konfirmandenjahres) zu absolvieren hat, lernt das Glaubensbekenntnis, den Psalm 23, die Einsetzungsworte und diverse Kirchenlieder gemeinsam mit der ganzen Gemeinde und damit gleichsam "beiläufig". Ich finde, diese Aussicht kann doch alle diejenigen ein wenig entlasten, die jetzt über die enger werdenden Zeitfenster für die Konfirmandenarbeit jammern. Voraussetzung für alle diese Überlegungen ist allerdings, dass die Gottesdienste mit der nötigen Sorgfalt vorbereitet und mit Liebe gestaltet werden. Aber das kann ja wohl ohnehin – auch im Blick auf alle anderen Gottesdienst-Teilnehmer – erwartet werden.


[1] "Konfirmandenunterricht" (KU) ist hier als Teil von "Konfirmandenarbeit" gemeint, zu der noch weitere Aspekte wie Elternarbeit, Verknüpfung mit Jugendarbeit und andere gemeindliche Dimensionen gehören. "Konfirmandenunterricht" beschreibt das Ensemble didaktisch verantworteter Lernarrangements.

[2] Ausführlicher habe ich dieses Modell auf der Homepage des RPZ Heilsbronn
(www.rpz-heilsbronn.de > Arbeitsfeld Konfirmandenarbeit > "Konfirmandenarbeit in Bayern" > "Organisation") als "KonfiKurs-Modell" dargestellt. Dort sind auch Beispiele für die Umsetzung zum Herunterladen zu finden.

[3] Die Zusammenfassung der Ergebnisse ist ebenfalls auf den Seiten "Konfirmandenarbeit in Bayern" (s. Anm. 2) im Ordner "Organisation" zu finden.

[4] Vgl. zum Folgenden: Bernhard Dressler, Schule und Gemeinde: Religionsdidaktische Optionen. Eine topographische Lageskizze zum Unterschied zwischen Religionsunterricht und Konfirmandenunterricht. In: Ders., Thomas Klie, Carsten Mork (Hgg), Konfirmandenunterricht. Didaktik und Inszenierung, Hannover 2001, S. 133-151.

[5] Ebd. S. 144

[6] Ebd. S. 139

[7] Ebd. S. 145

[8] Olaf Richter, Anamnesis – Mimesis – Epiklesis. Der Gottesdienst als Ort religiöser Bildung. Leipzig 2005.

[9] Ebd. S. 70.

[10] B. Dressler, aaO, S. 145.

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