Anfänge in der Konfi-Zeit

Herbert Kolb

Jedem Anfang wohnt ein Zauber inne

Anfänge haben es in sich – so oder so. Der Beginn einer Begegnung oder einer Veranstaltung aktiviert Erinnerungen. Erinnert er an schlechte Erfahrungen, wird das Folgende (mindestens zunächst) eher mit Ablehnung aufgenommen. Weckt ein Anfang dagegen Neugierde und Interesse, wird dem Weiteren (zumindest zunächst) mit einem „Vorschuss“ begegnet.

Deshalb ist es wichtig zu überlegen, was verstärkt werden soll. Diese Frage bezieht sich auf das Ganze der „Konfi-Zeit“ – eine Abkürzung, die es ebenfalls in sich hat: Was meint eigentlich „Konfi“ in dieser Zusammensetzung?


„Konfirmations-“ statt „Konfirmandenarbeit“

Der Begriff „Konfirmandenarbeit“ wurde eingeführt, um die ältere Bezeichnung „Konfirmandenunterricht“ abzulösen. Anstelle der Orientierung am schulischen Religionsunterricht soll die „Konfirmandenarbeit“ eher an Formen der Jugendarbeit anknüpfen: Projektarbeit, Mitarbeit von (jugendlichen) Ehrenamtlichen, selbst bestimmtes Lernen und Lebensweltorientierung kennzeichnen zeitgemäße Bildungsangebote für Konfirmandinnen und Konfirmanden.

Der Begriff „Konfirmationsarbeit“ wiederum fragt nach dem Ziel dieser gemeindlichen Bildung. Worauf soll dieses Bildungsangebot hinauslaufen? Oder mit den Worten von Jugendlichen: Was bringt es mir, wenn ich am Konfi-Kurs teilnehme? Antwort: “Am Ende der Konfi-Zeit möchte ich auf jeden Fall konfirmiert werden.“ Dieser Aussage stimmen in der EKD-Studie zur Konfirmandenarbeit (Ilg, Schweitzer u.a., Gütersloh 2009) 96% der Jugendlichen zu.

Konfirmiert werden – in evangelischer Perspektive kann es hier nicht um einen einmaligen (gleichsam magischen) Akt, sondern nur um einen Prozess gehen. Jugendlichen sind nicht schon dadurch „Konfirmandinnen und Konfirmanden“, dass sie sich für einen entsprechenden Kurs angemeldet haben. Und „konfirmiert“ im eigentlichen Sinn sind sie nicht schon dadurch, dass sie unter Handauflegung „eingesegnet“ wurden und dass über die bestandene Prüfung ein Zeugnis ausgestellt wurde. Als „Konfirmierende“ bekräftigen/bestärken/verfestigen sie ihren persönlichen Glauben und formen ihre Beziehung zu Gott.

Dieser Prozess findet seine liturgische Verdichtung im Konfirmationsfest, reicht aber weit darüber. Allerdings fokussiert die Konfirmandenzeit evangelische Bildung am Lernort Gemeinde in besonderer Weise. Hier beschäftigen sich die Heranwachsenden mit Äußerungen der christlichen Religion: Sie erkunden die Bilderwelt ihrer Kirche und „begehen“ (Ch. Bizer) die Liturgie des Sonntagsgottesdienstes. Sie lernen Gestaltungen kirchlichen Lebens kennen und erleben sich als Praktikantinnen und Praktikanten in der Diakonie.

Also: Ich spreche deshalb lieber von „Konfirmationsarbeit“, weil es in der Arbeit mit Konfirmandinnen und Konfirmanden darum geht, den Jugendlichen vielfältige Gelegenheiten zur Verfestigung ihres Glaubens zu bieten. Da ich aber nicht will, dass einengende und zur Ablehnung führende Vorstellungen vom christlichen Glauben verstärkt werden, will ich ein besonderes Augenmerk auf die Präsentation geeigneter Lernanregungen legen. Und die beginnen nun mal jeweils mit dem Anfang.

Der Zauber des Anfangs

Genau genommen gibt es in unserem Leben keinen Nullpunkt, keinen voraussetzungslosen Anfang. Das gilt auch für Wahrnehmungen: Was wir wahrnehmen, hängt mit dem zusammen, wozu wir rein körperlich in der Lage sind, aber auch mit dem, was wir bisher erlebt haben. Wahrnehmungen sind immer zugleich Deutungen im Horizont dessen, was wir schon kennen.

Im Blick auf die Konfirmationszeit heißt das: Die Jugendlichen, die (zwei-)wöchentlich oder monatlich zum Konfi-Kurs zusammenkommen, sind keine unbeschriebenen Blätter. Sie bringen Erfahrungen – aus vergleichbaren Settings, aus dem Kontakt zu Erwachsenen, im Zusammenhang mit der Wahrnehmung von „Kirche“, aus Gesprächen im Elternhaus und/oder Freundeskreis etc. – mit, die ihre aktuellen Erlebnisse beeinflussen.

Was diese Jugendlichen am Anfang der Konfi-Zeit bzw. am Anfang eines Kurstreffens erleben, „verzaubert“ deshalb sowohl sie selbst als auch den Inhalt des Folgenden: Entweder macht sie die Anfangsgestaltung zu tendenziell aufmüpfigen Schülerinnen und Schülern, die sich schon wieder mal mit einem Stoff beschäftigen müssen, den sie sich nicht ausgesucht haben und der sie nicht interessiert. Oder sie werden als mancherlei begabte junge Menschen angesprochen, denen die Möglichkeit geboten wird, sich mit Fragen zu beschäftigen, die sie im Grunde angehen.

Zugegeben: Das ist sehr holzschnittartig. Es soll auch guten (Religions-)Unterricht nicht diffamieren. Und es „funktioniert“ auch nicht bei allen Jugendlichen gleich. Aber in der Tendenz macht es vielleicht deutlich: Es lohnt sich, Anfänge bewusst und sorgfältig zu gestalten.

Konkretionen

Der Anfang der Konfirmationszeit

Szenario 1:

Am Mittwoch um 16.30 Uhr trifft sich die neue Konfi-Gruppe zum ersten Mal. Ein Teil der Jugendlichen kennt sich (in mehrfachem Sinne: „entfernt“) aus der gemeinsamen Grundschulzeit. Einige besuchen die gleiche Klasse, andere haben sich noch nie vorher gesehen. Sie wurden brieflich ins Gemeindehaus bestellt, das sie bereits vom Anmeldeabend her kennen. Einige von ihnen sind bereits zehn Minuten vor Beginn da; sie warten still und schüchtern oder laut redend vor der verschlossenen Tür. Als Pfarrer A sie kurz vor halb fünf einlässt und in den Unterrichtsraum lotst, fehlen noch einige. Um 16.35 Uhr kommen die Letzten abgehetzt und unsicher in den Raum. Manche schleppen den schweren Schulrucksack mit sich, weil sie direkt vom Schulbus kommen.

Pfarrer A kontrolliert die Anwesenheitsliste. Manche Namen kennt er noch nicht, deshalb ruft er sie fragend in die Runde und hakt die Anwesenden ab („Du bist der kleine Bruder von …, gell? Na ja, wir werden sehen, wie wir beide zurechtkommen.“). Dann „fängt er an“: „Schön, dass ihr alle da seid! Ihr werdet am … konfirmiert werden. Bis dahin müssen wir noch eine ganze Reihe von Themen durchnehmen. Jeder darf bis dahin höchstens zweimal unentschuldigt  fehlen. Wer krank ist oder aus einem sonstigen Grund nicht kommen kann, braucht eine Entschuldigung durch die Eltern. Ihr müsst jedes Mal eine Bibel, ein Gesangbuch, die Konfi-Mappe (die hab ich schon für euch bestellt) und Schreibzeug mitbringen. Habt ihr dazu noch Fragen?“ …

Szenario 2:

Der Kirchenvorstand hat die Mitglieder der neuen Konfi-Gruppe zu einem Kennenlern-Nachmittag eingeladen. Bewusst wurde ein Freitag ausgewählt, weil an diesem Tag kein Nachmittagsunterricht stattfindet. Außerdem sind einige KV-Mitglieder schon früher von der Arbeit daheim und können zusammen mit Pfarrerin B und den jugendlichen Konfi-Teamern sowie zwei Jugendleitern „die Neuen“ begrüßen. Um 16.00 Uhr begrüßt Pfarrerin B die Anwesenden: „Liebe Konfirmandinnen, liebe Konfirmanden, wir werden in den nächsten Monaten miteinander unterwegs sein – nicht nur bei den beiden Konfi-Wochenenden und einem Ausflug nach … Wir werden auch gemeinsam unterwegs sein in der „Welt der Religion“, hier in unserer Gemeinde und darüber hinaus. Ihr werdet Gelegenheit haben, eure Fragen zu Gott und zur christlichen Religion zu stellen und gemeinsam Antworten darauf zu finden. Dabei ist es sehr wichtig, dass ihr euch untereinander möglichst gut kennen lernt. Auch wir, das Konfi-Team, möchten euch gerne kennen lernen. Deshalb haben wir euch zu diesem Nachmittag eingeladen. Wir werden heute viele Spiele machen. Wir werden gemeinsam essen und am Lagerfeuer sitzen. Und wenn es dunkel geworden ist, werden wir eine Nachtwanderung machen. Mit euren Eltern habe ich vereinbart, dass sie euch so gegen 22.30 Uhr an der Kirche abholen sollen. Aber jetzt gibt es erst einmal tollen Kuchen, Kaffee und Tee. An dieser Stelle danke ich schon einmal den Eltern, die das für uns besorgt haben. Ich wünsche euch eine schöne Konfi-Zeit und jetzt erst mal einen guten Appetit.“

Wieder sehr holzschnittartig! Das birgt natürlich die Gefahr in sich, dass Sie hier aufhören zu lesen und sagen oder denken: So schlimm ist es bei mir nicht. Beziehungsweise: So will -  und vor allem: kann – ich es nicht machen! Aber ich denke, dass Sie verstanden haben, worauf ich hinaus will: Wenn es Ihnen darum geht, den einzelnen Jugendlichen möglichst viel von dem „beizubringen“, was Ihrer Meinung nach ein evangelischer Christ wissen und können muss, dann mögen Sie mit dem Szenario 1 einigermaßen zurechtkommen. (Allerdings werden Sie vermutlich spätestens nach drei oder vier solchen Gruppentreffen immer wieder relativ viel Zeit und Energie brauchen, um die „Meute zu bändigen“ – es sei denn, die Gruppe besteht nur aus fünf oder sechs Buben und/oder Mädels.)

Wenn Sie sie allerdings dabei begleiten wollen, dass sich in ihnen das Vertrauen auf den Gott verfestigt, der in Jesus Christus offenbar geworden ist, dann sollten Sie sich eher an Szenario 2 orientieren – und es auf Ihre Verhältnisse zuschneiden. Damit sich die Jugendlichen trauen, ihre (religiösen) Fragen einzubringen und im Austausch mit den Gleichaltrigen und den Erwachsenen sowie mit den Äußerungen der christlichen Religion Antworten zu finden, muss aus der Menge der Einzelnen zunächst eine Gruppe werden. Dafür eignen sich vor allem gemeinsame Mahlzeiten und Spiele gut. Andererseits sollte der Anfang auch das Besondere einer Konfi-Gruppe aufleuchten lassen. Deshalb habe ich diesen Nachmittag und Abend in der Kirche mit einer stimmungsvollen Andacht abgeschlossen.

Der Anfang der Kurstreffen

Zugegeben: Wenn Ihre Kurstreffen jeweils nur sechzig Minuten dauern, werden Sie mit dem Folgenden nicht viel anfangen können. Dann werden Sie hoffentlich eine abgewandelte Form eines gestalteten Anfangs gefunden haben. Denn egal ob Einzelstunden, Doppelstunden, (zweiwöchentliche) Blockstunden oder (monatliche) Konfi-Tage – sie fangen alle irgendwie an. Auch in Szenario 1 fängt die Stunde nicht damit an, dass Pfarrer A das Wort an die Gesamtgruppe wendet. Sie beginnt damit, dass die Konfis kommen und ein bestimmtes Setting vorfinden. Und um die bewusste Gestaltung dieses Settings geht es mir.

Ich schlage vor, möglichst in der Kirche zu beginnen und den Jugendlichen ein Ritual anzubieten, das sie variiert im Sonntagsgottesdienst wiederfinden:

·         Wenn die Jugendlichen die Kirche betreten, ist dort ruhige Musik zu hören. Die Altarkerzen und die Osterkerze brennen.

·         Sie singen gemeinsam (zunächst wahrscheinlich im Wesentlichen nur die Mitarbeitenden, d.h. vielleicht nur Sie selbst) ein Lied – immer dasselbe (z.B. EG 632 „Ich will glauben: Du bist da“; v.a. wenn Ihnen meine Überlegungen zum Gottesnamen und der Bezug zur Geschichte vom brennenden Dornbusch einleuchten; siehe die Einleitung in meinem Heft „In Gottes Namen. Impulse für eine nachhaltige Konfirmandenarbeit“ bzw. meine Ausführungen auf www.rpz-heilsbronn.de > Arbeitsbereich Konfirmandenarbeit!).

·         Sie laden die Jugendlichen dazu ein, ein Teelicht an der Osterkerze anzuzünden: für die Erfahrungen, „in denen es hell werden soll“ (oder so ähnlich).
Wahrscheinlich müssen die Mitarbeitenden anfangen und dadurch ein Modell abgeben. Vielleicht sagen die einen oder anderen etwas dazu, etwa: „Ich denke an … und hoffe …“ Andere sagen nichts und machen dadurch deutlich, dass man auch dann eine Kerze anzünden kann, wenn man sich nicht traut, etwas dazu zu sagen.
Im Laufe des Konfi-Kurses können Sie die Gebetsanliegen mit einem „Kyrie“ verknüpfen. (Die Diskussion hinsichtlich „Akklamation“ muss ich mir hier verkneifen.)

·         Sie sprechen gemeinsam einen Psalm, zunächst Ps 23, weil er den meisten aus der Grundschule bekannt sein dürfte. Später könnten Sie auch Verse aus Psalm 139 abwechselnd sprechen. Mit ihm könnte später auch die Beichte verknüpft werden. (Verknüpfungen sind immer gut!)
Der Psalm schließt mit dem „Gloria Patri“. Im Laufe des Konfi-Kurses variieren Sie diesen Abschluss durch „Allein Gott in der Höh sei Ehr“.

·         Danach teilen Sie den Konfis mit, was an diesem Nachmittag geschehen soll, etwa: „Heute werden wir uns mit folgenden Fragen beschäftigen: Hilft Beten? Wem hilft das Beten? Wofür dürfen wir beten? Was ist eigentlich ein ‚richtige’ Gebet?“ Wenn Sie zu vermutende Fragen der Jugendlichen aufgreifen, sind diese wahrscheinlich motivierter, als wenn Sie schlicht sagen würden: „Heute ist das Thema ‚Beten’ dran.“

·         Anschließend gehen Sie in das Gemeindehaus/in den Tagungssaal zum weiteren Arbeiten.

Die Jugendlichen werden merken, dass das etwas mit dem Sonntagsgottesdienst zu tun hat, auch wenn die Reihenfolge dort etwas anders ist. Andererseits ermöglicht die Liturgie nach G 1 umgekehrt eine Assimilation an das vorgeschlagene Anfangsritual. Es hilft sicher auch der Gottesdienst-Gemeinde, wenn das Vorbereitungsgebet hin und wieder als „Abholung aus der Situation“ gestaltet wird, z.B.: „Wir haben manches hierher mitgebracht, was uns belastet, was unsere Seele verdunkelt … In der Stille bringen wir das vor Gott, was uns auf dem Herzen liegt.“

 „Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne …

… der uns beschützt und der uns hilft zu leben.“ (H. Hesse) Es wäre ideal, wenn unsere Jugendlichen bereits in den Anfängen, Ouvertüren gleich, das erfahren könnten, worauf ihre ganze Konfirmationszeit hinauslaufen soll. Das werden Sie natürlich nicht in jedem Fall und vor allem nicht bei allen Jugendlichen beobachten können. Ich hätte aber großes Vertrauen, dass da „hundertfältige Frucht“ wachsen kann, wo der Boden auf den ersten Blick nur steinig und dornig aussieht.

(Artikel im pdf-Format)

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