Nachhaltige Konfirmandenarbeit

 

Herbert Kolb

Aus der Enge in die Weite

Impulse für eine nachhaltige Konfirmandenarbeit

 

Gottes Name – Das Programm

Getauft und konfirmiert, gesegnet und Gottesdienst gefeiert wird „im Namen Gottes“. Was heißt das eigentlich? Was ist der Name Gottes? Und was bedeutet es, dass etwas in Gottes Namen geschieht?

Im zweiten Buch Mose wird die geheimnisvolle Geschichte vom brennenden Dornbusch erzählt. Mose hört aus der nicht verlöschenden Flamme die Stimme Gottes. Gott hat das Elend seines Volkes gesehen, will es aus Ägypten befreien und "in ein gutes und weites Land" führen. Im Text der hebräischen Bibel wird hier ein Wortspiel sichtbar: Das hebräische Wort für „Ägypten“ (mizraim) kann auch gelesen werden als „aus der Enge“. „Aus der Enge in die Weite“ könnte das Unternehmen Gottes also bezeichnet werden. Und Mose soll dieses Unternehmen „in Gottes Namen“ führen. Deshalb erfährt er - als Ausweis dieser Beauftragung - diesen Namen Gottes: „Ich-bin-da“.

„JHWH, 'Ich-bin-da', das soll mein Name auf ewig sein“, sagt Gott zu Mose. In diesem Namen soll der Weg ins gute und weite Land geschehen. Gott ist dem wandernden Gottesvolk immer gegenwärtig: als Feuersäule in der Nacht, als Wolkensäule bei Tag. Und Mose, dem Leiter dieses Unternehmens, gegenüber sagt Gott es noch einmal ausdrücklich: „Ich will mit dir sein.“

Die Jugendlichen

Gott sagt aus dem brennenden Dornbusch: „Ich habe das Elend meines Volkes in Ägypten gesehen und ihr Geschrei über ihre Bedränger gehört; ich habe ihre Leiden erkannt.“ Darauf kommt es in der Konfirmandenarbeit in allererster Linie an: die Jugendlichen – in ihrer Situation, in ihrer Lebenswelt, mit ihren Erfahrungen und Fragen und als Kinder Gottes – wahrnehmen. Das ist gleichsam die spirituelle Dimension einer zukunftsfähigen Konfirmandenarbeit.

Die 1998 von der Synode der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern verabschiedeten „Rahmenrichtlinien für die Arbeit mit Konfirmanden und Konfirmandinnen“ beschreiben diesen Kern der Konfirmandenarbeit in einer sehr schönen Formulierung:

„Christlicher Glaube kann wachsen, wenn das Evangelium mit der Situation der Jugendlichen in Zusammenhang gebracht und als Befreiung und Orientierung erlebt wird. Deshalb sind die Lebenswelt, die Erfahrungen und die Fragen der Konfirmanden und Konfirmandinnen Ausgangs- und Zielpunkt aller zu behandelnden Inhalte und Themen.“

Die Situation der Jugendlichen ist unterschiedlich. Zur Konfi-Gruppe gehören Schülerinnen und Schüler aller Schularten, der unterschiedlichen Milieus und sozialen Schichten, die eben in der Kirchengemeinde vertreten sind. Die einen mögen in Designer-Klamotten kommen, während man anderen ansieht, dass die Eltern von Hartz IV leben müssen. Und während einige „mit allen Wassern gewaschen sind“, scheinen andere noch nicht viel von der „rauen Wirklichkeit“ mitbekommen zu haben.

Jugendliche in der Pubertät – das ist ungefähr wie das Volk Israel auf dem Weg durch das Schilfmeer. Über die Israeliten in Ägypten heißt es: „Das Volk mehrte sich und wurde sehr stark.“ (1. Mose 1,20) So auch die Jugendlichen in der Pubertät. Alles wächst: die Gliedmaßen und der Rumpf, die Geschlechtsmerkmale und die Behaarung, das Gehirn und die Probleme – mit den Eltern und den Lehrern, mit der Welt und mit sich selbst.

Das Ziel: persönlicher Glaube

Gott sagt: Ich habe die Not meiner Kinder gesehen, ich habe ihr Geschrei gehört und ihre Leiden erkannt. Und ich bin gekommen, um sie „aus der Enge in die Weite“ zu führen. Und dabei soll immer wieder sichtbar und spürbar sein: Ich bin da. Wenn ihnen das Wasser bis zum Hals steht, will ich mit ihnen sein, damit sie nicht ertrinken. Und wenn alles um sie herum und in ihnen brennt, sollen sie unversehrt bleiben und erfahren, dass ich ihr Gott bin. Und eben dies ist mein Name auf ewig: Ich-bin-da.

Das Ziel von Konfirmandenunterricht und Konfirmandenarbeit ist Konfirmation, die „Stärkung“ des persönlichen Glaubens an Gott, der sich uns als „Vater, Sohn und Heiliger Geist“ zeigt und mitgeht – manchmal auch gegen den Anschein. Dieses Ziel lässt sich mit einem Satz aus der Emmaus-Erzählung beschreiben (Lukas 24,31): „Da wurden ihre Augen geöffnet, und sie erkannten ihn.“

Didaktik: Von Oase zu Oase lernend „Fremdes“ verarbeiten

Im Konfirmandenunterricht muss nicht all das wiederholt werden, was an Wissen bereits im Religionsunterricht angesammelt wurde. Nun werden manche lächeln und einwenden: „Das ist es ja gerade! Da scheint überhaupt nichts hängen geblieben zu sein.“ So haben es wahrscheinlich die allermeisten derer erlebt, die in der Konfi-Stunde an „eigentlich Bekanntes“ anknüpfen wollten. An Einzelheiten aus „Zeit und Umwelt Jesu“, „Leben und Werk Jesu“ (beides 5. Jahrgangsstufe), an „Feste im Kirchenjahr“ oder an Einzelheiten zur Passion Jesu und zu Ostern (beides 6. Jahrgangsstufe) scheinen sich nur sehr wenige erinnern zu können.

Wenn Konfis nicht darüber sprechen wollen, muss das aber noch nicht heißen, dass sie auch nichts darüber wissen. Es kann peinlich sein, sein Wissen darzustellen. Es kann sein, dass die entsprechenden Informationen im Gehirn gleichsam so abgelegt wurden, dass sie nach dem erfolgten Impuls nicht ohne weiteres abrufbar sind. Eventuell hat ein Konfi dieses „träge“ Wissen aber auch noch nicht so verarbeitet, dass er/sie den Eindruck hätte, damit „an die Öffentlichkeit“ gehen zu können.

Wie auch immer: Die Jugendlichen, die zur Konfi-Gruppe gehören, haben Vorerfahrungen, Meinungen und Wissen zu den religiösen Themen. Manche haben mit dem schulischen Unterricht zu tun, andere vielleicht eher mit Gesprächen in ihrer Umgebung oder mit Sendungen im Fernsehen bzw. Informationen aus dem Internet.

Der Konfirmandenunterricht bietet die Chance, diese Erfahrungen und Meinungen, das Wissen und die Fragen der Jugendlichen auszudrücken, zu sichten, zu kommentieren und (handelnd) weiterzuforschen.

Damit diese Chance genutzt werden kann, müssen die Unterrichtenden einen Perspektivenwechsel vollzogen haben: Wir schauen nicht in erster Linie auf das, was gelernt werden muss, sondern interessieren uns für das, was die Jugendlichen zu den einzelnen Themen einbringen können.

Folgerichtig erscheint der Konfi-Kurs auch nicht als notwendiges Übel auf dem Weg zur Konfirmation, sondern wird selbst zur „Confirmatio“ im wörtlichen Sinne: Stärkung auf dem Weg zum persönlichen Glauben. Die einzelnen Treffen mit den Konfis sind dann so etwas wie „Oasen“ auf der Wüstenwanderung. Sie laden ein einzukehren, sich auszutauschen, aufzutanken und Hilfreiches mitzunehmen, das man bei seinen nächsten Schritten anwenden kann.

In jeder „Oase“ regen Formen des christlichen Lebens (Gottesdienst, Gebet, Taufe, Abendmahl, Gebote etc.) und Alltagsprobleme dazu an, die eigenen Erfahrungen und Fragen gleichsam zu verorten und zu den traditionellen Angeboten an Symbolen und Begriffen in ein Verhältnis zu bringen. „Verorten“ bedeutet: Diesen Lernprozessen einen Ort geben. In der Konfirmandenarbeit bietet sich neben dem Gemeindehaus hier vor allem die Kirche an. Für die Alltagstauglichkeit ist jedoch auch die Verknüpfung mit anderen (öffentlichen) Orten bedeutsam: z.B. Bushaltestelle, Kinderspielplatz, Bankgebäude, Fitness-Center etc. Hier können Alltagserfahrungen mit religiösen Aussagen und Bildprogrammen zusammengebracht und so für den eigenen Glauben relevant werden.

Denn die traditionellen religiösen Aussagen sind theologisch reflektierte „Konstrukte“, die selbst nicht losgelöst werden können von bestimmten religiösen Erfahrungen. Sie sind geschichtlich bedingt und nur im Kontext dieser historischen Gegebenheiten richtig verständlich. Gottes Wirklichkeit lässt sich eben nicht auf eine Erscheinungsform fixieren. Als „fremde Erfahrungen“ können sie aber mein eigenes Welt- und Gottesbild stützen – oder in Frage stellen.

Beides ist für den religiösen Lernprozess wichtig: Lernen vollzieht sich als ständige Abfolge von „Irritation“ – d.h. In-Frage-Stellung der eigenen Ansicht – und Bestätigung. Durch die Irritation werde ich herausgefordert, mein Welt- und Gottesbild darauf hin zu überprüfen, ob es mit diesem „ganz Anderen“ fertig wird oder korrigiert werden muss. Wenn meine Vorstellungen durch die Äußerungen anderer bestätigt werden, wird es wahrscheinlicher, dass ich richtig liege. Mein Glaube wird fester und gibt – für mich (!) - ein stärkeres Fundament für mein zukünftiges Verhalten ab.

Unser Gehirn lernt auf diese Weise immer. Es lernt, immer wieder Regeln aufzustellen, zu bestätigen oder zu verändern. Auch religiöse Einstellungen – wie das Vertrauen auf Gottes Gegenwart und Hilfe – lassen sich als komplexe Verschaltungen im Gehirn verstehen. Sie entstehen nachhaltig als Reaktionen auf aktuelle Herausforderungen. Deshalb werden Jugendliche nicht nachhaltig lernen, wenn die zugrunde liegenden Erfahrungen für sie nicht relevant sind.

Auch diese Einsicht ist übrigens in der Geschichte vom „Durchzug durch die Wüste“ zu finden: Auf das Hungern und Murren der Israeliten hin, schickt Gott das „Brot vom Himmel“, das „Manna“. Dies sollen die Israeliten sammeln und essen – aber nur so viel, wie jeder am Tag braucht; das Übrige wird verderben. Es geht also nicht darum, einmal so viel wie möglich zu sammeln, was man „später einmal gebrauchen kann“, sondern wiederholt das aktiv aufzunehmen, was hier und jetzt nötig ist.

Auch im Gottesdienst können Konfis lernen

Es erscheint anstößig, den Gottesdienst zum Lernort zu machen. Wer allerdings auch die Ausbildung des Gottvertrauens als Lernen begreift, wird kein Problem damit haben, den Gottesdienst als ein ursprüngliches religiöses Lernarrangement zu sehen. Schließlich gehen wir davon aus, dass im Gottesdienst Gott in besonderer Weise gegenwärtig und vernehmbar ist.

Wenn man so will, wiederholt sich im Gottesdienst der Prozess von „Befreiung und Orientierung“ (Rahmenrichtlinien):

  • Im Eröffnungsteil wird die Befreiung von Bedrängendem und von Schuld (Votum, Vorbereitungsgebet), die Beziehungsaufnahme zu Gott (Eingangspsalm, Kyrie) sowie die Freude über die Errettung (Gloria; vgl. Moses bzw. Miriams Lobgesang) thematisiert.
  • Der Verkündigungsteil greift die Wegweisung und Orientierung auf (Lesungen, Predigt; vgl. Übergabe der Zehn Gebote und anderer Regeln). Das Glaubensbekenntnis geht gleichsam über die Exodustradition hinaus und verweist als Bestätigung des Bundesschlusses durch das Gottesvolk auf das in Josua 24 ausgesprochene Bekenntnis zu Gott: „Ich und mein Haus wollen dem Herrn dienen.“
  • Im Abendmahl wird die Heilstat der Befreiung noch einmal in besonderer Weise pointiert und dabei vor allem auf die wunderbare Speisung der Hungrigen durch das „Brot vom Himmel“ hingewiesen.
  • Der Segen inszeniert schließlich den Einzug ins Gelobte Land, das Leben in der Gegenwart, im Reich des Gottes, dessen Name JHWH ist, „Ich-bin-da“.

Im Konfirmandenunterricht muss die Relevanz dieser inneren Struktur für die Jugendlichen mindestens spürbar werden, wenn der Gottesdienst nachhaltig für sie ein Ort religiöser Bildung werden soll. Befreiung, Orientierung und Vertrauen auf Gottes Gegenwart müssen für die einzelnen Konfirmandinnen und Konfirmanden so Gestalt annehmen, dass sie auf aktuelle Fragen und Nöte antworten.

Angedeutete Konkretionen

Über allem, über dem Gottesdienst wie über dem Leben der Getauften, steht die Zusage des Gottesnamens, die durch den auferstandenen Jesus Christus bekräftigt wird: „Siehe, ich bin bei euch alle Tage bis an das Ende der Welt.“ Diese Zusage sollte sich auch durch den ganzen Konfi-Kurs ziehen.

Konkret kann dies so aussehen, dass die Jugendlichen die Geschichte vom brennenden Dornbusch kennen lernen, sie gestalten und durch sich hindurch gehen lassen. Als Symbol für die Gegenwart Gottes wird – mit Hinweis auf die nicht verlöschende Flamme des Dornbusches – eine Kerze eingeführt. Diese Kerze wird fortan immer zu Beginn eines jeden Konfi-Treffens und in jedem Sonntagsgottesdienst angezündet. Ein entsprechendes Votum, ein Gedicht, eine Geschichte, ein Gebet o.ä. weist  auf den Gottesnamen hin: „Ich-bin-da“.

Über den Konfirmandenunterricht und den Gottesdienst hinaus kann das Symbol der Kerze übrigens auch in die Lebenswelt der Jugendlichen hineinwirken. Viele Jugendliche haben eine Vorliebe für brennende Kerzen: bei Verliebtheit ebenso wie bei Liebeskummer und anderen gefühlsmäßigen Berg- und Talfahrten. Wenn der Hinweis auf die Gegenwart Gottes während des Konfi-Kurses immer wieder variiert wurde, besteht die Chance, dass diese Bedeutung auch im Alltag der Jugendlichen wächst.

Ein weiteres Beispiel für die Entfaltung der Zusage Gottes liegt im trinitarischen Votum am Anfang des Gottesdienstes. Der ausgeführte Gottesname lässt sich gut mit einer Tauferinnerung verbinden: Auf den „Namen Gottes des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes“ bin ich getauft worden. Als ein solcher, als eine solche stehe ich jetzt vor Gott. Und Gott sagt zu mir: „Du bist mein geliebter Sohn, an dir habe ich Wohlgefallen.“ „Du bist meine liebe Tochter, ich freue mich an dir.“

Wenn der Gottesdienst zu einem zentralen Inhalt des Konfirmandenunterrichts wird, muss dies natürlich nicht bedeuten, dass Themen aus der Lebenswelt der Jugendlichen deshalb wegfallen. Von diesem „Weg ins Leben“ (Manfred Josuttis) aus gehen mancherlei Pfade zu aktuellen Themen wie auch zur Gestalt gemeindlichen Lebens. Auch sie können „Oasen des Glaubens“ sein, wenn sie den Weg „von der Enge in die Weite“, den Weg zu einem persönlichen Glauben im Blick haben. Ja, gerade durch geeignete Verknüpfungen, die im Idealfall durch die Jugendlichen selbst angebahnt werden, werden religiöse Formen für sie  - und ihren persönlichen Gottesglauben – erst relevant.

(Text als pdf-Datei)

 

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