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Erfahrungsbezogener Religionsunterricht: Der theoretische Hintergrund

 

Die Tradition

Erfahrungsbezogener Religionsunterricht versteht die Tradition - Bibel, Kirchengeschichte, Lebensäußerungen von Glauben früher und heute ... - als Überlieferung von Erfahrungen, die Menschen mit Gott und der Botschaft des Glaubens gemacht haben und die wiederum Glauben wecken wollen. Orientierung bieten dabei die Forschungs- und Auslegungsprozesse der Theologie.

Das Ziel des erfahrungsbezogenen Religionsunterrichtes

Die Erfahrungen der Schülerinnen und Schüler und der Lehrkraft sollen mit den Erfahrungen der Tradition ins Gespräch gebracht werden. (vgl. auch sog. "korrelationsdidaktischer Ansatz")

Zum Verhältnis von Theologie und Erfahrung sagt der bekannte Theologe Heinz Zahrnt: "Alle theologischen Aussagen über Gott und die Welt haben nur Geltung und Gehalt, sofern sie sich auf ihre dogmatische Grundform zurückführen lassen" - und das sind nicht etwa nachträgliche kirchliche Lehrentscheide, sondern die Erfahrungen, die der Glaube mit Gott und der Welt gemacht hat.

Die Religion ist daher nicht eine Tochter der Theologie, sondern die Theologie eine Dienerin der Religion. Und sie ist dies nicht, indem sie der Religion mit der Fackel voranleuchtet, sondern indem sie ihr die Schleppe nachträgt." aus: "Publik-Forum. Zeitung kritischer Christen", Oberursel, Ausgabe 2/2005 - Unbedingt lesen!

Die Schülerinnen und Schüler

Das heißt auf der einen Seite, die Heranwachsenden ernst zu nehmen und sie bei ihren Lebens- und Glaubensprozessen zu begleiten. Das Unterrichtsgeschehen bezieht sich auf sie und ihre Lebenssituation, die Schulwirklichkeit und den Religionsunterricht selbst.

Die Begegnung

Auf der anderen Seite werden die Heranwachsenden ins Gespräch gebracht mit den Erfahrungen, die andere vor ihnen gemacht haben und von denen Bibel und Tradition erzählen. Dadurch kommen die Möglichkeiten Gottes in den Blick, die sie aus ihrer eigenen Erfahrung heraus nicht sehen würden. Auch die Begegnung mit dem Fremden, Andersartigen wird ihnen zugemutet, damit sie in respektvoller Auseinandersetzung das Eigene entdecken und entwickeln können.

Inhalte und Methoden

Das setzt voraus, dass inhaltliche Beispiele und Methoden gewählt werden, die es den Heranwachsenden möglich machen, eine Beziehung zwischen dem angebotenen Inhalt und ihnen selbst bekannten Situationen und Erfahrungen zu suchen und zu entdecken. Erfahrungsbezogener Religionsunterricht will ein erfahrungsförderndes und erfahrungsverarbeitendes Angebot an die Schülerinnen und Schüler sein. Sie sollen ihre eigene Verhältnisbestimmung zum angebotenen Inhalt treffen können.

Methoden werden bevorzugt, bei denen sie verweilen, entdecken, wiederholen, vertiefen und Kontinuität (Stetigkeit und Zusammenhang) erfahren können. Dabei kann weniger mehr sein.
Im Zentrum stehen die aktive Beteiligung am Unterrichtsgeschehen und Interessen geleitetes, eigenständiges Lernen. Die Heranwachsenden sollen zu echten Aktivitäten ermutigt werden.
Der Religionsunterricht und die Schulwirklichkeit sind dabei selbst Erfahrungsfeld. So kann die Mitbestimmung bei Planung, Auswahl und Durchführung von Unterrichtseinheiten sinnvoll sein. Spiritualität und gemeinsame Lebensdeutung sind Teil des Unterrichts.

Die Lehrkraft

Der Lehrkraft kommt eine wichtige Vermittlungsfunktion zu. Einerseits ist sie gefordert, der Tradition Stimme zu verleihen unter Einbeziehung der theologischen Forschungs- und Auslegungsergebnisse, andererseits die Gedanken- und Lebenswelt der Schülerinnen und Schüler aufzunehmen und einen Prozess der Auseinandersetzung mit der Tradition zu initiieren.
Das gelingt über die Schnittstelle der eigenen Auseinandersetzung mit Religion und Tradition, der eigenen Erfahrungen und persönlichen theologischen Überzeugungen.

Das Sprechen z. B. über Zweifel und offene Fragen, Vorsätze und Scheitern, Veränderung der eigenen Standpunkte kann den Schülerinnen und Schülern dabei deutlich machen, dass sich Glaubende in einem lebenslangen Lern- und Frageprozess bewegen. Gleichzeitig zeigt es die Vielfalt der Glaubenswege und ihre Individualität und eröffnet die Möglichkeit, im Religionsunterricht durch Austausch und Gespräch neue Wege und Möglichkeiten zu eröffnen.

Die Lehrkraft plant und gestaltet den Unterrichtsprozess so, dass die Heranwachsenden Raum für die Auseinandersetzung und die Entfaltung ihrer eigenen Überlegungen und Erkenntnisse bekommen. Glaube kann immer nur eigener Glaube sein. Wir haben nicht in der Hand, ob die Schülerinnen und Schüler zum Glauben finden. Ihren Denk- und Erkenntnisprozessen auf ihrem ganz persönlichen Weg begegnen wir mit Respekt. Der Austausch mit ihnen kann nicht zuletzt Impulse auch für uns geben.

Grundlage: "Religionsunterricht vorbereiten. Hilfen für Anfänger - Tips für Praktiker"
von Karl Foitzik und Frieder Harz, Claudius Verlag, München 1995

 

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