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Lernen durch Lehren (LdL)
Do it yourself - Eine 9. Klasse gestaltet Religionsstunden selbst
Schülerinnen und Schüler werden aktiv im RU

Eine starke Klasse: 9cdf/ev 1997/98 Realschule Hiltpoltstein
Hinten: Robert H. - Birgit K. - Elke K. - Eva S. - Melanie M. - Dorothee F.
Mitte: Jonathan H. - Markus P. - Ines D. - Patricia M. - Christina D. - Natalie M.
vorn: Christian S. - Wolfgang S.
Wegen "Quali" und aus sonstigen Gründen leider nicht auf dem Foto:
Christian H., Florian B., Julia K., Ina B. und Madeleine R.
Die Idee
entstand bei der sehr konstruktiven Nachbesprechung der Bibliodramaeinheit "Jesus Christus" in der 9. Klasse. Die Stunden hatten den Kontakt untereinander vertieft und die Schülerinnen und Schüler in Bewegung gebracht. Sie wollten mehr Unterrichtsstunden, an denen sie aktiv teilnehmen konnten. Also - fragte ich - warum nicht selbst einzelne Stunden gestalten? Die 19 Jugendlichen zögerten zunächst. So etwas hatten sie noch nie gemacht. Aber sie wollten es versuchen.
Die nächsten beiden Themenbereiche, die mir geeignet schienen, waren "Leben und Tod" und "Fernöstliche Religion und Religiosität". Ich nahm den Lehrplan und zerschnitt ihn in die einzelnen Sinnzusammenhänge. Immer zwei Schülerinnen und Schüler übernahmen eine Unterrichtseinheit. Zu Hause hatte ich meine gesamten Unterlagen zu diesen Themenbereichen noch einmal durchsortiert und für jede Einheit ein "Informationspaket" mit Bildern, interessanten Zeitungsartikeln, Leitfragen, gut aufbereiteten Arbeitsblättern mit Lösungen und Tafelanschriften zusammengestellt. Jedes Team erhielt ein solches Paket. Das Schulbuch stand auch zur Verfügung. Zur Aufarbeitung hatten die Teams zwei bis drei Stunden Zeit.
"Für unsere Vorbereitungen bekamen wir viel Informationsmaterial von unserer Lehrerin. Wir mussten alles durchlesen und auswerten. Danach wählten wir die wichtigsten Blätter aus oder schrieben das Wichtigste heraus."
Dann gab ich den Schülerinnen und Schülern eine kurze Information, wie eine Unterrichtsstunde in der Regel aufgebaut ist. Ich wählte dafür die einfache Dreierstruktur:
- Begegnung mit dem Thema
- Erarbeitung des Themas/Umgang mit dem Stoff
- Sicherung des Lernstoffes
Ich machte deutlich, dass der Stundenablauf mit Medieneinsatz, Leitfragen und Tafelanschrift geplant werden muss. Dafür bekamen die Schülerinnen und Schüler noch einmal etwa zwei Schulstunden. Was sie in dieser Zeit nicht schafften, erledigten sie privat.
Für die Gestaltung ihrer Stunde/n suchten manche Teams das Gespräch mit mir, andere wollten ganz selbständig arbeiten. Die Neugestaltung der Arbeitsblättern und Folien und das Kopieren übernahm ich, wenn der Einsatz dieser Medien sinnvoll war, manche Gruppen erledigten aber auch das allein und brachten selbst Kopien mit. Die Jugendlichen fanden auch noch andere Quellen, um ihre Stunden interessant zu gestalten:
"Wir schrieben eine Liste der einzelnen Themenabschnitte zusammen und versuchten den ganzen Lehrstoff auf eine Schulstunde zu verteilen. Das gelang uns jedoch nicht, da wir fast drei Schulstunden dafür benötigten. Wir beschlossen noch eine kleine Meditation in den Unterricht zu packen. Für diese suchten wir die passende Musik (Panflöte) und einen geeigneten Text, der langsam und einflößend vorgelesen wurde. Die Musik tat dazu ihr Übriges. Unvorhergesehen durften sich die Schüler noch fünf Minuten auf den Boden legen und "schlafen".
Unsere Themenabschnitte:
1. Die fünf Phasen des Sterbens (Kübler-Ross)
2. Berichte von Menschen, die dem Tode nahe waren
3. Tod im biologischen Sinne
4. Tod bei anderen Weltanschauungen und Religionen."
Die Positivseite ist lang: Die Kommentare der Schülerinnen und Schüler unten sprechen für sich und es lohnt sich, sie zu lesen. Es waren spannende und bereichernde Stunden für mich. Die Klasse war jedes Mal genauso neugierig wie ich darauf, wie das jeweilige Team ihre Stunde gestalten würde. Die meisten Stunden waren gelungen. Ich selbst habe neue Ideen kennen gelernt. Fruchtbar waren auch die Gespräche darüber, welche Inhalte und Methoden ausgewählt werden sollten. Man merkte, dass die Jugendlichen vielfältige Unterrichtsmethoden kennen und in der Lage sind, diese Inhalten gezielt zuzuordnen.
Negatives? Manchmal bekam die Klasse nicht die Möglichkeit, sich intensiv mit dem Stoff auseinanderzusetzen, da die Unterrichtenden zu schnell weitergingen. In Einzelfällen (sehr wenigen) konnte ein Team mit bestimmten Inhalten nichts anfangen, fühlte sich in seiner Rolle unwohl und agierte etwas lustlos und wenig engagiert. Fragestellungen und Tafelanschriften waren nicht immer ausgefeilt. In solchen Fällen habe ich vorsichtig eingegriffen, noch einmal vertieft, die Tragweite bzw. Zusammenhänge deutlich gemacht oder die Zusammenfassung selbst an die Tafel geschrieben.
Zusammenfassung: Es war die erste Unterrichtsstunde, die diese Schülerinnen und Schüler gehalten haben, da lässt sich keine Perfektion erwarten. Aber insgesamt überwiegt das Positive bei weitem und die Jugendlichen waren stolz auf das, was sie geleistet haben. Und ich bin stolz auf meine Klasse.
Als langjährige Lehrerin ist mir natürlich klar, dass solche Projekte nicht mit allen Religionsgruppen möglich sind. Aber vielleicht lohnt es sich doch, einmal einen solchen Versuch zu wagen.
Kommentare der Schülerinnen und Schüler
Was habe ich bei diesem Projekt über mich selbst gelernt?
- Eigentlich habe ich gedacht, dass nichts dabei ist, vorne an der Tafel zu stehen und einfach was zu erzählen, aber als ich dann vor der Klasse stand, war es schwer, frei und locker loszureden.
- Ich hätte nicht gedacht, dass es mir nach der anfänglichen Nervosität so leicht fällt, mich vor die Klasse zu stellen und zu reden.
- Ich dachte, ich schaffe das nie. Mich einfach hinzustellen und anfangen zu reden. Ich war wirklich nervös. Als ich dann da vorne stand, habe ich einfach angefangen und die Stunde war ganz schnell vorbei. Es ist gar nicht so schwierig, wie man immer denkt. Am besten fängt man einfach an, der Rest ergibt sich (meistens) irgendwie. Ich denke, jeder kann das, auch wenn es einige Überwindung kostet. Es war aber eigentlich ganz lustig.
- Es ist gut zu wissen, dass man dazu in der Lage ist, anderen etwas mitteilen zu können, ohne dass es allzu langweilig ist oder zu unverständlich.
- Unser "Referat" ging fast über drei Schulstunden. Bei den ersten fünf Minuten war ich sehr aufgeregt, was sich dann aber legte, und ich konnte mein "Referat" gut über die Runden bringen. Alleine vor der Klasse zu sprechen, ist sehr blöd für mich, aber mit zwei Freunden dabei fühlt man sich sicherer. Es war eher lustig für mich.
- Über mich habe ich gelernt, dass ich keine Probleme habe, vor größeren Menschenmengen (in unserem Fall ca. 20 Leute) frei zu sprechen und dass ich die Lehrer bis jetzt immer falsch eingeschätzt habe.
- Ich habe dadurch gelernt, dass es schwierig ist, den Schülern etwas von einem Thema beizubringen, das einen nicht besonders interessiert.
- Am Anfang denkt man sich, das wird doch ein Klacks, wäre doch gelacht, wenn man das nicht hinbekommen würde. Dann steht man vorne, will sein Thema durchziehen und merkt: Es klappt überhaupt nichts mehr. Unsere Gruppe hatte zum Beispiel ein Kreuzworträtsel vorbereitet. Als wir es ausgeteilt hatten, merkten wir, dass wir bei mindestens drei Wörtern die falsche Anzahl von Kästchen angegeben haben. Da merkt man erst, wie schwierig das eigentlich ist.
- Ich habe gelernt, dass ich bestimmt keinen Lehrer machen werde. Diese ganzen Vorbereitungen sind ein paar Mal ganz in Ordnung, aber auf die Dauer wäre es mir zu stressig.
Was habe ich durch die Unterrichtsstunden an Wissen gewonnen?
- Bei meinem eigenen "Referat" habe ich sehr viel über mein Thema gelernt, da ich ja den gesamten Stoff durchlesen und durcharbeiten musste, was ich im Unterricht nicht muss. Bei den "Vorträgen" der anderen passt man auch besser auf, da es blöd ist, seine Freunde durch Schwätzen abzulenken. Im Allgemeinen lernt man viel mehr als im normalen Unterricht. Außer die "Vorträger" haben das Thema nicht gut bearbeitet und bringen es nicht gut rüber.
- Man bekommt viel mehr Wissen, weil man sich viel intensiver mit der Materie befasst. Man zerlegt sein Thema in einzelne Teile und überlegt dann, wie man die Teilbereiche seinen Mitschülern näherbringen kann. Außerdem wird bei solchen Arbeiten viel mehr Interesse geweckt, als beim Zuhören. Man gerät viel tiefer in das Thema hinein, weil man sich immer wieder neue Fragen stellt, wie z.B. was sollte ich jetzt antworten, wenn einer fragt, wieso dies oder jenes gerade so passiert ist. Dann möchte man am liebsten bis ins Detail alles wissen, was mit dem Thema gerade zu tun hat.
- Man hat mehr gelernt, weil man mehr aufgepasst hat, weil immer jemand anderes die Stunde gehalten hat. Vielleicht können Schüler anderen Schülern das Wissen besser vermitteln.
- Wenn die Schüler den Unterricht gestalten, ist er lockerer und man kann sich besser in das Thema hineindenken, weil der Schüler den Stoff leichter verständlich vorträgt.
- Ich habe bei diesen Stunden weniger gelernt als bei den Lehrkräften. Aber manchmal konnten die Schüler mir mehr Wissen vermitteln, denn wenn auf einmal jemand anderes vorne steht, achtet man mehr darauf, was derjenige erzählt.
- Ich weiß jetzt, dass die Menschen auf der ganzen Welt sehr verschieden sind: Es gibt gute, böse, liebe, kranke, fürsorgliche ... Menschen, von denen jeder einzelne seinen Teil zum Leben beiträgt.
- Ich weiß jetzt, dass ich andere Menschen mit anderen Religionen achten und respektieren soll.
- Dort herrschen zwar andere Sitten, die für uns oft ungewöhnlich sind, aber es war interessant. Ich habe zwar andere Ansichten, welche Sitten ich richtig finde oder nicht. Aber jedem das Seine.
- Ich denke, dass ich bei den Schülern weder mehr noch weniger gelernt habe. Ich glaube aber, dass ein Lehrer, wenn er merkt, dass ein bestimmtes Thema die Klasse interessiert, besser und gezielter auf bestimmte Sachen eingehen kann.
- Eigentlich habe ich bei manchen Themen weniger gelernt als wenn es uns der Lehrer beigebracht hätte. Dafür kenne ich mich bei meinem Thema viel besser aus, als ich eigentlich nach dem Lehrplan müsste. Aber dadurch, dass die Schüler uns das Thema nahebrachten, konnte ich mir die Themen besser merken, weil es mehr Spaß machte.
Was habe ich über die Arbeit von Lehrkräften gelernt?
- Lehrer werden ganz anders eingeschätzt, als sie in Wirklichkeit sind. Es ist gar nicht so einfach, den Schülern einen interessanten Unterricht zu gestalten, bei dem sie mitarbeiten.
- Dass man sich auf jede Unterrichtsstunde lange vorbereiten muss, damit man sich mit dem Stoff gut auskennt. Es ist nicht so leicht, wie man denkt, sich einen Hefteintrag auszudenken, in dem genug steht und der trotzdem nicht zu lang ist. Wenn sich keiner meldet, kommt man sich ziemlich hilflos vor, weil man erst denkt, dass keiner was weiß. Dabei melden sie sich bloß nicht. Eine Stunde dauert gar nicht so lange, wie man als Schüler denkt.
- Es ist schwierig, wenn sich keiner meldet, den Unterricht zu gestalten.
- Es ist schwer, alle Schüler für die gleiche Zeit zu beschäftigen. Manche sind schnell fertig, andere langsamer.
- Es bereitet viel Mühe, man muss lange planen, genau informiert sein und versuchen, den Stoff gut rüberzubringen. Je mehr Ideen bzw. Aufgaben man sich überlegt, desto mehr arbeiten die Schüler mit. Es ist schwierig, eine Klasse zum Mitarbeiten zu bringen.
- Es ist eine sehr zeitaufwendige Arbeit. Sie müssen die Unterrichtsstunden vorbereiten, Material besorgen und es auswerten. Dann muss das Ganze in den Unterricht zeitlich eingebaut werden. Für mich wäre das nichts.
- Bei solchen "Referaten" merkt man erst, wie schwer es ist, eine Unterrichtsstunde attraktiv zu gestalten. Es benötigt Zeit, Gedanken und Wille. Dennoch hatten wir einen Vorteil gegenüber Lehrkräften, da wir das gesamte Informationsmaterial gleich bekamen und nicht erst sammeln mussten.
- Das erstmalige Entwerfen einer Unterrichtsstunde ist sicherlich schwer und arbeitsaufwendig, allerdings hat man nach einem Jahr dann bestimmte Muster, die man wieder verwenden kann.
- Die meisten in unserer Klasse haben es sich einfacher vorgestellt, als es dann letztlich war. Wir dachten, es genüge, sich nur hinzustellen und etwas zu erzählen. Aber dann wurde uns bewusst, wieviel Arbeit hinter einer Unterrichtsstunde und den Aufgaben eines Lehrers steckt. Wir mussten uns immer gute Ideen einfallen lassen, um die Schüler zu unterhalten. Hinzu kam, dass Schüler bekanntlich nicht gerne Hefteinträge schreiben und sich am Unterricht beteiligen. Es war nicht immer leicht, sich durchzusetzen und die Schüler zu motivieren. Es ist nicht einfach, anderen etwas beizubringen, was sie noch nicht kennen und vielleicht auch gar nicht interessiert.
- Man denkt immer: Ach diese ...lehrer müssen bloß vor dem Pult stehen, ihren Stoff labern und irgendetwas diktieren. Wenn man aber dann selbst einmal vorn steht und zwei Stunden Unterricht halten muss, merkt man erst, wie schwierig es in Wirklichkeit ist und dass es den Lehrer ziemlich stresst. Durch solche Erfahrungen werden Lehrer auch automatisch viel sympathischer, weil man sich besser in ihre Lage versetzen kann und sie dadurch auch viel besser versteht.
- Ich habe gelernt, dass der Arbeitstag für Lehrer nicht schon nach der letzten Unterrichtsstunde aufhört, sondern dann erst die Vorbereitung für den nächsten Tag erfolgt.
Sollten wir diesen Versuch im nächsten Jahr wiederholen? Warum?
Durchweg stimmten die Schülerinnen und Schüler mit Ja:
- Weil der Unterricht interessanter wird und die Schüler dadurch besser aufpassen.
- Weil Schüler den Mitschülern mehr zuhören als den Lehrern.
- Weil es eine gute Vorbereitung/Übung für freies Sprechen bzw. Referate ist.
- Weil man dadurch wesentlich mehr lernt, besonders bei seinem eigenen Thema.
- Weil es auch gute Vorschläge für Lehrer gibt, sie können den Stoff, so wie wir ihn vorbereitet haben, auch anderen Klassen wiedergeben.
- Weil es im Großen und Ganzen eine Möglichkeit war, eine gute mündliche Note zur erreichen.
- Weil man dadurch die Rolle des Lehrers einnimmt und sieht, dass es auch nicht immer leicht für die Lehrer ist.
- Es ist eine Erfahrung wert, einmal selbst eine Stunde zu halten.
- Es bringt Abwechslung in den normalen Schulalltag.
- Der Unterricht war interessant gestaltet, weil sich die Schüler gut vorbereitet haben.
- Wenn man eine Stunde selbst gestaltet, kann man mehr Gedanken von sich selbst einbringen.
- Man kann dann auch mal die ganze Klasse rumkommandieren.
- Man lernt frei vor Menschen zu sprechen und eine Dreiviertelstunde interessant und abwechslungsreich zu gestalten.
- Ich denke, so etwas baut das Selbstbewusstsein auf. Vielleicht ist das auch eine Vorbereitung auf das "richtige" Leben (Beruf). Da muss man auch "Vorträge" halten oder seine eigene Meinung vertreten. Das geht viel besser, wenn man das schon mal gemacht hat. (Übung macht den Meister, oder?)
- Ich finde die Erfahrung gut, vor der Klasse zu stehen und zu versuchen, ihnen auf interessantem Wege etwas beizubringen. Da dies nicht einfach ist, kann ich verstehen, wenn auch Lehrer manchmal ausrasten. Allerdings müssen die Lehrer auch erkennen, dass der Schüler auch manchmal ziemlich gestresst ist und deswegen auch gereizt ist und dass es neben dem eigenen auch noch andere Fächer gibt. Dann könnte das vielleicht zu einem besseren Verständnis zwischen Schüler und Lehrer beitragen.
Neugierig geworden?
- Jetzt gibt's die Fortsetzung dieses Versuches - in den Jahrgangsstufen 8-10!
- Konzeptionelles und theoretische Überlegungen werden auf den Seiten www.ldl.de genauer erläutert.
Julia Born

