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"Der Geist weht, wo er will..." - Spiritualität im Klassenzimmer

 

Emotionale und ganzheitliche Zugänge im RU

Arbeitsergebnisse einer Fortbildung für die Realschule am RPZ Heilsbronn, zusammengestellt von Julia Born

 

Was ist Spiritualität?

Aus: Theologische Realenzyklopädie, in Gemeinschaft mit H. Balz u. a., hrsg. von G. Müller, de Gruyter 2000, Bd. 31, S. 708 - 713

Spiritualität "ist Entfaltung des gelebten christlichen Glaubens ... Christliche Spiritualität entsteht, wenn Glaubensbewegungen Gestalt annehmen. Berücksichtigt werden müssen in ihr auch Entfaltungen des angefochtenen Glaubens, der geistlichen Resignation, sogar noch des Irr-, Aber- und Unglaubens bwz. anderen Glaubens sowie menschliche Versuche, das Unermeßliche zur Darstellung zu bringen." (S. 709)

"Christen brauchen spirituelle Glaubenszugänge, die lebensgeschichtliche Tiefe erreichen. Sie sind wahrnehmbar in Gottesdienst, Frömmigkeit, Übung, Lebensgestaltung und elementarisierter Theologie ... Spirituelle Glaubenszugänge zielen ... auf die verbindliche Zusage des Heiligen Geistes; sie verharmlosen nicht Anfechtungen und Zweifel, sondern nehmen sie als Phänomene ihrer Zeit ernst." (S. 712f)

"Spiritualität schafft religiöse Beheimatung. Diese wiederum setzt einen weltoffenen und weitherzigen Glauben frei, der sich in einem scheinbar alles zersetzenden Agnostizismus und Relativismus nicht auflöst, sondern auch in solchen Bedrohungen spirituelle Glaubenszugänge schafft." (S. 713)

Ist das auch etwas für Evangelische?

Aus: Den Glauben leben. Evangelische Spiritualität. Hilfen zum Verständnis. Anregungen für die Praxis. Von der Tagung der Landessynode der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern in Rothenburg o.d.T. April 1994, u. M. von Friedrich Aschoff u.a., hrsg. im Auftrag des Landessynodalausschusses von R. Seitz und S. Hanselmann

Handlungsfelder kirchlicher Arbeit

"Handlungsfeld 1: Spiritualität, Gottesdienst, Verkündigung und Kirchenmusik"

"Kirche soll ein Ort lebendiger Spiritualität sein. Christen und Christinnen können in der Kirche aus dem Reichtum der Möglichkeiten ihre eigene Spiritualität finden, die ihnen hilft, allein und gemeinsam Gottes Nähe zu erleben. Es ist Aufgabe der Kirche, Sprache, Texte, Bilder und Musik für individuelle und gemeinsame Spiritualität bereitzustellen, Gelegenheit zur Einübung zu geben und Aufgeschlossenheit für die Vielfalt der Formen zu bewahren. Die Worte der Heiligen Schrift und die Sakramente haben zentrale Bedeutung für eine evangelische Spiritualität. ... Unsere Kirche hält Rituale für Biographie und Jahreszyklus, für den Rhythmus von Tages-, Jahres- und Lebenszeiten bereit. Aufgeschlossen und verläßlich im Gottesdienst zu sein, heißt Freiheit in den Formen mit Treue zu den Menschen in ihren Lebenssituationen zu verbinden und Erfahrungen miteinander auszutauschen.
Es ist eine vordringliche Aufgabe unserer Kirche, die Botschaft des Evangeliums auf vielerlei Weise so weiterzugeben, daß sie den Zeitgenossen klar, verständlich und lebensnah begegnet. Deswegen suchen wir den Dialog mit dem Denken und den Erfahrungen unserer Zeit sowie nach elementarer und ansprechender Gestalt unserer Verkündigung. Wir geben Rechenschaft über den Grund unserer Hoffnung und fragen nach der Bedeutung des Evangeliums für das Leben des einzelnen wie der gesamten Gesellschaft." (S. 11f)

Durch die Frage nach der Bedeutung des Evangeliums für das Leben des einzelnen und die Gesellschaft weitet sich Spiritualität: von der Innerlichkeit zur Öffentlichkeit, zur Gestaltung des gemeinsamen Lebens und zur Anwaltschaft für gefährdetes Leben. Kontemplation und Aktion sind miteinander verbunden.

 

Spiritualität im Klassenzimmer? Thesen zum Religionsunterricht

1. Spiritualität ist eine Lebenshaltung, die Geistigkeit, die uns prägt und unser Leben und Verhalten mitbestimmt. Durch Übung und Bewusstwerden können wir sie als eigene Dimension menschlicher Erfahrung entdecken und "uns auf die Reise zu uns selbst begeben" (Anthony de Mello). Wir können spirituelle Kompetenz gewinnen und in uns zur Entfaltung bringen, was uns trägt und uns mit anderen Menschen verbindet.

2. Unsere Religion und ihre Tradition, in der wir aufgewachsen sind, sind der Nährboden unserer Spiritualität und helfen uns, uns auszurichten. Dabei gilt es, christliche und speziell evangelische Tradition neu zu entdecken.

3. Kunst, Natur, Erotik und Ritus (Dürckheim) haben die Kraft, uns zu berühren und über das Alltägliche hinaus zu führen. Besonders offen sind Menschen für spirituelle Angebote, wenn das eingespurte Alltagsleben durchbrochen ist, z. B. in Schwellensituationen, wichtigen Lebenssituationen, ... Das gilt auch für die Jugendlichen, die vor der Aufgabe des Erwachsenwerdens stehen.

4. Wenn die Lehrkraft Zugänge zur Spiritualität öffnen will, muss sie selbst Erfahrungen damit haben.

5. Auch die Schule hat einen "Geist". Christliche Spiritualität ist anders als der Geist der Schule. Deshalb braucht sie einen abmarkierten "Raum", der signalisiert: Hier kann sich etwas Anderes ereignen.

6. Spirituelle Übungen können eine Zäsur im Alltag setzen und einen Ruhepunkt schaffen, Angenommensein vermitteln und zu einem neuen Blick, einem neuen Weg anregen. Die existenzielle Bedeutung solcher Angebote nehmen auch Jugendliche wahr, sie finden darin Unterstützung für ihre persönliche Entwicklung.

7. Um Spiritualität wahrzunehmen, müssen wir unsere Aufmerksamkeit sammeln und uns dafür öffnen: hinhören, hinsehen, fühlen, spüren und tun. Angebote knüpfen immer neu an den ganzen Menschen und sein Erleben an und sprechen alle Sinne an. Denn Spiritualität lebt von der Übung, vom Wiederholen und Vertiefen. Zum Beispiel lassen sich eine Frage oder Aufgabe wie ein roter Faden durch ein Schuljahr ziehen und immer anders beleuchten.

8. Nachdenken über die augenblickliche Situation und die Anliegen der Heranwachsenden, Kreativität und der Austausch mit anderen helfen bei der Gestaltung der Angebote. Entscheidend ist, dass Inhalt und Form für die Lehrkraft selbst stimmig sind und der Altersstufe gerecht werden.

9. Jeder Mensch hat seine eigene Zeit und seinen eigenen Zugangsweg. Wenn etwas nicht "ankommt", können wir durch Beobachten und Nachfragen feststellen, wo Hindernisse liegen. Wir können Fragen oder Wünsche aufnehmen und unsere Angebote entsprechend gestalten. Auf diese Weise prägt und entwickelt die Lerngruppe ihre ganz eigenen Formen und Inhalte. Die Jugendlichen gewinnen die Kompetenz, auch selbständig solche Übungen vorzubereiten und durchzuführen.

10. Spiritualität wächst durch Üben und Lernen. Das Gelingen ereignet sich, es ist nicht machbar - und auch nicht an bestimmten äußeren Ergebnissen ablesbar. Übungen können geändert oder auch abgebrochen werden - für einen erneuten Versuch zu einem späteren Zeitpunkt. Der Geist weht, wo er will.

11. Sich auf spirituelle Übungen zu konzentrieren ist in der Gemeinschaft leichter: Statt der eigenen Selbstdisziplin trägt die Disziplin der Gemeinschaft, von der Lehrkraft gefordert und gefördert.

12. Mitschülerinnen und Mitschüler können die notwendige Konzentration aber auch verhindern. Wenn einzelne Jungen oder Mädchen nicht bereit sind, sich auf solche Angebote einzulassen, ist das zu respektieren. Vielleicht gelingt es, eine Form zu finden, an der auch sie teilnehmen wollen. Sonst bitten wir sie darum, sich still zu beschäftigen, damit sie die anderen nicht stören. Vielleicht besteht auch die Möglichkeit, dass sie das Klassenzimmer für kurze Zeit verlassen.

13. Hilfreich ist es, sich gemeinsam auf einen Kodex für solche Übungen zu verständigen, der Konzentration ermöglicht, aber auch den Ausstieg offen hält.

14. Eindruck verlangt Ausdruck. Die Gedanken und Bilder, deren man gewahr wird, wollen ausgedrückt, in vertrauensvoller Atmosphäre, z. B. in der Kleingruppe, mitgeteilt und weiter geführt werden. Die Lehrkraft schützt dabei die Privatsphäre der Jugendlichen und respektiert sie auch selbst. Nur wer es wünscht, bringt seine Gedanken in die Großgruppe ein.

15. Spirituelles Wachstum will wirken und verwandeln in zwei Richtungen: nach innen in die Person hinein und nach außen in die Lebensumstände. Was bedeutet das für unsere Unterrichtsarbeit und unseren Umgang mit den Jugendlichen?

Vielen Dank an alle, die mit ihren Beiträgen diese Thesen mitgestaltet haben!
Julia Born

 

Das würden wir empfehlen: Literatur

Folgende Materialien und Bücher schienen uns für die Arbeit im Unterricht besonders hilfreich:

  • Katholisches Schulkommissariat in Bayern: Wege in die Tiefe. Möglichkeiten, Schüler im Religionsunterricht zu einer tieferen Sicht der Wirklichkeit anzuleiten. München 1993
    Sehr empfehlenswerte, knappe (38 Seiten), praxisnahe Einführung in die Arbeit mit Übungen zum Stillwerden, Wahrnehmungs- und Einfühlungsübungen sowie meditativen Übungen mit vielen Beispielen
    - leider mittlerweile nicht mehr lieferbar -

  • K. Bürgermeister u.a.: Bei Sinnen sein. Zu sich und zu Gott finden. Ganzheitliche Wege persönlichen Betens in Schule und Gemeinde. Ein Praxisbuch. Hengersberg 1998
    Drei Fachleute für den RU haben Möglichkeiten gesammelt, wie sich im Unterricht ganzheitlich mit dem Thema Glauben umgehen lässt. "Beten" meint dabei die intensive Beschäftigung mit religiösen Fragen. Aus dem Inhalt: "Vom Stern zur Sternstunde: Sich vom Stern führen lassen - Zum Stern werden", "Sich mit Jesusworten identifizieren", "Mit Segenswünschen in den Tag gehen". Eine Fülle von Anregungen für Unterrichtsstunden, Gottesdienste, Besinnungstage, ...

  • Gerda und Rüdiger Maschwitz: Phantasiereisen zum Sinn des Lebens. Anregungen für Kinder, Jugendliche und Erwachsene. München 1998
    bietet neben einer grundsätzlichen Einführung mit vielen Hinweisen Texte zu verschiedenen Themen, dazu jeweils Anregungen zur vorbereitenden Körperarbeit und zur anschließenden Gestaltungsphase

  • Gerda und Rüdiger Maschwitz: Neue Mandalas. Aus der Mitte wachsen. Anregungen für Kinder, Jugendliche und Erwachsene. Mit 23 Malvorlagen. München 1998
    Neben allgemeinen Hinweisen zur Arbeit mit Mandalas werden zu jedem Mandala Anregungen wie Gedichte, Geschichten oder Lieder und Gestaltungsmöglichkeiten gegeben.

  • Bücher von Willi Hoffsümmer, z.B.: 150 Bausteine für Schulabschlussgottesdienste. Ökumenische Feiern zum Schuljahresende und zur Schulentlassung. Aachen 1997
    Bei dieser Fülle von Anregungen dürften alle fündig werden!

  • Ludwig Rendle, Ursula Heinemann, Lothar Kuld: Ganzheitliche Methoden im Religionsunterricht. Ein Praxisbuch. München 1996
    Standardwerk zur Arbeit mit ganzheitlichen Methoden - leider unübersichtliches Layout

Außerdem wurden empfohlen:

  • Sigrid Berg: Biblische Bilder und Symbole erfahren. Ein Material- und Arbeitsbuch. München 1996

  • Peter Biehl u.a.: Symbole geben zu lernen. Einführung in die Symboldidaktik anhand der Symbole Hand, Haus und Weg. Neukirchen

  • Reinhard Brunner: Hörst du die Stille? Meditative Übungen mit Kindern. München 1998

  • Elmar Gruber: Bilder in mir. Symbolbetrachtungen. München 1997

  • Benedikta Hintersberger: Mit Jugendlichen meditieren. Methoden, Einstiege, Texte. München 1998

  • Gerda und Rüdiger Maschwitz: Stille-Übungen mit Kindern. Ein Praxisbuch. München 1998

  • Bernhard Müller: Meditative Übungen für unruhige Geister. Gelassenheit und Konzentration - Für Jung und Alt. München 1997

  • Sara Wenger Shenk: Der Tag hat viele Farben. Das Leben kreativ gestalten. Gute Ideen und praktische Tipps. München 1994

Unsere gemeinsame Feier zum Abschluss der Fortbildung

Wir haben unsere Fortbildung mit einer Mahl-Feier beendet, die wir in Gruppen vorbereitet haben. Die einen haben sich um die musikalische Gestaltung gekümmert, die anderen um die Gestaltung des Raumes, eine Gruppe um die Feier selbst und eine um Gebete und Segen.

In der Nacht
als Jesus spürte, dass das Dunkle ihn umgab
als er wusste, dass er nun bald
seinen Auftrag erfüllt haben würde
setzte er sich zu Tisch
mit allen, die zu ihm gehörten
mit denen, die damals bei ihm waren
mit denen, die sich zu ihm stellen werden in aller Zukunft
mit uns, die er in der Taufe zu sich gerufen hat.

Er nahm das Brot
brach jedem davon ab
und gab es ihnen
gab es uns allen
die wir der Leib Christi sind.

Dann nahm er den Wein
gab ihnen davon
gab uns allen
die wir zur Gemeinschaft Jesu Christi gehören.

Gott Vater, Gott Sohn, Gott Heiliger Geist
wir bitten dich
segne in uns und durch uns deine Gaben
und lass uns die Gemeinschaft mit dir spüren.

Foto und Text mit freundlicher Genehmigung von Renate Seifert-Heckel, Nördlingen

 

 

Fortbildungen

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