Referat Real- und Wirtschaftsschule > Lehrplan > 5.2 > Bausteine zur Kirchenpädagogik
Wie erkunde ich mit Schülerinnen und Schülern | ![]() |
Grundlegende Überlegungen
Schülerinnen und Schüler bringen heutzutage oftmals nicht mehr die religiöse und kirchliche Sozialisation mit, wie sie die früheren Generationen noch hatten.
„Wie betrete ich eine Kirche? Wie verhalte ich mich in einem sakralen Raum? Warum knien sich manche Gläubige hin? Warum bekreuzigen sie sich?“ Das sind Fragen, die heute mit den Schülerinnen und Schülern im Unterricht besprochen und geklärt werden müssen.
Kirchenpädagogik
Dazu bietet die Kirchenpädagogik den Lehrkräften die Möglichkeit im Rahmen des Lehrplans, in den sie eingebunden ist, mit Schülern Kirchen beider Konfessionen zu erkunden, oben genannte Fragen zu beantworten und zugleich zu entdecken, welche Theologie Baumeister und Künstler der Kirchen hatten und was sie mit ihren Kunstwerken ausdrücken wollten.
Begriffsklärung
Neben dem Begriff „Kirchenpädagogik“ wird ebenfalls der Begriff „Kirchenraumpädagogik“ verwendet. Meistens wird dasselbe darunter verstanden. Die Literatur hat sich auf keinen der beiden Begriffe festgelegt bzw. sie definiert. Manche würden es eventuell so ausgelegen, dass „Kirchenraumpädagogik“ den Focus der Erkundung auf den Kircheninnenraum legt, während „Kirchenpädagogik“ auch die Umgebung, in der die Kirche liegt, mit einschließt.
Baustile im Überblick
Um mit Schülerinnen und Schülern Kirchen epochenmäßig richtig einordnen zu können, sollten im Vorfeld die wichtigsten Baustile besprochen und darüber ein Überblick gewonnen werden. Eventuell lässt sich diese Einheit auch in Kooperation mit dem Kunstunterricht durchführen.
Daher sind nachfolgend die wichtigsten Baustile mit ihren am häufigsten auftretenden Elementen zusammengefasst:
Romanik
außen: massive, festungsartige Mauern; gedrungene, wehrhafte Türme mit Zeltdächern; Apsis; kleine Rundbogenfenster; niedrige Eingänge; Krypta; Steinkreuze; Tympanon über dem Eingang
innen: schlichter Raum; einfache Steinaltäre; oft flache und bemalte Decken; Bildprogramme an Säulenkapitellen, Decken- u. Wandmalereien; in der Nähe der Altäre in die Wand eingelassene Sakramentsnischen und Wasserabläufe zum Ablauf des Wassers ins ErdreichGotik
außen: Fassade mit Figurenportal, Rosenfenster; ausladendes Strebewerk; Chor mit hohen Maßwerkfenstern; gotischer Ornamentschmuck
innen: hohe Gewölbe; Haupt- und Seitenaltäre mit Schnitz- oder Malerarbeiten; ReliquienschreineRenaissance
außen: Saalbauten nach antikem Vorbild; frei stehende Statuen in Nischen; Fassadengiebel oft mit Christus- oder Heiligenfiguren, einem goldenen Kreuz oder dem Trigramm IHS im Strahlenkranz; Dreiecks- oder Segmentgiebel über Fenstern
innen: Wandpfeiler oft mit dorischen, ionischen, korinthischen Säulenkapitellen; Emporen; Kassettendecken; freistehende Heiligenfiguren; schlichte Taufbecken; aufwendig gestaltete Kanzeln; Orgeln mit mehrtürmigem AufbauBarock
außen: links u. rechts rahmen oft Türme mit geschwungenen Hauben die Mitte der Fassade ein; Gliederung der Fassade durch waagerechte Gesimse; Dreiecks- oder Segmentgiebel über Fenstern jetzt aufgebrochen oder gesprengt; hohe Sprossenfenster und ovale bzw. runde Fenster; Monogramme im Strahlenkranz bei Ordenskirchen; steinerne Figurengruppen vor allem an Außenwänden der Wallfahrtskirchen
innen: riesige, reich mit Freskenmalerei geschmückte Kuppeln; Tonnengewölbe oder flache Decken über dem Innenraum; dekorative Stuckelemente; den Chorraum füllende Hochaltäre werden von je einem Seitenaltar links u. rechts eingerahmt; üppige Ausstattung mit Heiligen- oder Engelfiguren, einer großen u. oft mehreren kleineren Orgeln; oftmals mittelalterliches Kreuz aus der VorgängerkircheKlassizismus
außen: Fassaden oft mit Säulenfront in griech. Säulenordnung; Dreiecksgiebel darüber
innen: Innenraum meist weiß-grau gehalten; Kassettendecke; Altar, Taufbecken, Kanzel (manchmal Orgel) im Zentrum; frei oder in Nischen stehende Heiligenfiguren aus Marmor
Im 19. Jahrhundert haben sich in Anlehnung an die vorangehend aufgeführten Baustile neue Stile entwickelt, die die Bezeichnungen „Neuromanik“, „Neugotik“, „Neurenaissance“ und „Neubarock“ tragen. Ihre Merkmale ähneln den im Vorfeld angeführten Baustilen.
Moderner und zeitgenössischer Kirchenbau im 20. und 21. Jahrhundert
außen: flach gedeckte Saalkirchen; Zelt- u. Zentralbauten; organisch gewachsene Architektur; durchscheinende Glasgebilde; Beton- und Holzbauten
innen: Übernahme von Einzelstücken aus älteren Vorgängerkirchen; Kanzel durch Ambo (Lesepult) ersetzt; oft schmucklos eingerichtet; vielfach Volksaltar in der Mitte
Hinweis für die Praxis: Bildtafeln zu den einzelnen Baustilen können im Buch von M.L.Goecke-Seischab und J. Ohlemacher, Kirchenbaukunst (vormals: „Kirchen erkunden, Kirchen erschließen“) im Anaconda Verlag erschienen, eingesehen werden! Für die Erläuterung der Stile im Unterricht, empfiehlt es sich Folien davon zu ziehen.
Verschiedene Zugangsweisen zur Erkundung
Eine Erkundung kann die Schwerpunkte unterschiedlich setzen:
- thematisch, d.h. die Kirche ist einem Heiligen geweiht oder hat als Bildthema innerhalb des Innenraums einen biblischen Schwerpunkt
- die Hauptstücke, wie Altar, Kanzel, Taufstein (und evtl. die Orgel) in den Blick nehmen
- Symbole in den Mittelpunkt stellen, wie z.B. Licht, Wasser
- anhand der Architektur Rückschlüsse auf die Botschaft, die der Bau ausdrücken soll, schließen
Es ist hilfreich folgende Schritte im Vorfeld zu bedenken:
- Genaue Kenntnis der Kirche durch vorangegangenen Besuch und Studium des Kirchenführers (von diesem eine Zusammenfassung für die Schüler erstellen)
- Eigene Fotos der Ausstattungstücke machen, die man auf den Arbeitsblättern festhalten will (wichtig: von eigenen Fotos müssen keine Rechte eingeholt werden)
- In Erfahrung bringen, ob es eine Vorgängerkirche gab und welche Funktion diese Kirche hatte (Wehrkirche, Wallfahrtskirche, Friedhofskirche?)
- Sich über die Öffnungszeiten der Kirche/ des Pfarramts informieren
- Organisation des Unterrichtsgangs, evtl. Kooperation mit anderen Kolleginnen und Kollegen (kath. Religion, Kunst, Musik, Geschichte)
- Vor einer Turmbesteigung sich erkundigen, ob jemand der Schüler Höhenangst hat?
- Mit den Schülerinnen und Schülern das Verhalten in einer Kirche thematisieren (Sinn und Zweck eines Kirchenbaus)
Für den Verlauf einer Erkundung, ist es wichtig die Schülerinnen und Schüler möglichst viel selbst entdecken zu lassen. Dies vertieft den Eindruck und wirkt nachhaltig.
- Erkundung der Kirche von außen nach innen, vom Portal zum Chor hin.
- Evtl. den Mesner oder ein älteres Gemeindeglied zur Erkundung mit einladen und aus der Geschichte der Kirche erzählen lassen
- In der Kirche oder hinterher im Klassenzimmer das Erlebte kreativ verarbeiten lassen (“Vom Eindruck zum Ausdruck!“)
Hinweis für die Praxis: In den Büchern von M.L. Goecke-Seischab und Frieder Harz finden sich zahlreiche Anregungen hierzu, z.B. Komm, wir entdecken eine Kirche, München 2002
Bei kirchenpädagogischen Entdeckungen ist es wichtig eine Auswahl der Ausstattungsstücke zu treffen. Wenn möglich sollte sich ein roter Faden durch die Erkundung ziehen. Weniger ist für die Schüler oft mehr!
Im Folgenden können die Arbeitsblätter nur Anregungen für die eigene Umsetzung sein. Sie erheben keinesfalls den Anspruch auf Vollständigkeit.
Die Fotos und Arbeitsaufträge der Arbeitsblätter beziehen sich auf die katholische Basilika und Stadtpfarrkirche St. Bonifaz in München, die oftmals ökumenische Feiern und Gebete in ihren Räumen beheimatet.
Arbeitsmaterialien (Download als pdf-Dateien):
Literaturhinweise:
Goecke-Seischab, Margarete Luise / Harz, Frieder: Der Kirchenatlas. Räume entdecken, Stile erkennen, Symbole und Bilder verstehen. München 2008
Goecke-Seischab, Margarete Luise/ Harz Frieder: Kirchenbaukunst. Ein pädagogisches Handbuch mit über 300 Bildern und Tafeln. Köln 2007 (Titel der Originalausgabe: Kirchen erkunden, Kirchen erschließen. Lahr 2002)
Goecke-Seischab, Margarete Luise / Harz, Frieder: Komm, wir entdecken eine Kirche. München 2002
Dipl.Rel.Päd. (FH) Sabine Grünert, RPZ Heilsbronn, November 2009
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