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Heilsbronner Modell der Schulseelsorge: Schulseelsorge als Beratung

 

Ziele

  1. Seelsorgerliche Beratung von Schülerinnen und Schülern bei Problemen, Lebens- und Glaubensfragen
  2. Individuelle Hilfe zur Persönlichkeitsentwicklung und Lebensbewältigung
  3. Reduktion von Spannungen bei Schülern, Lehrern und Eltern
  4. Stärkung der Persönlichkeit der Schülerinnen und Schüler als Voraussetzung für Lernerfolg und gelingenden Unterricht
  5. Förderung eines Klimas von Vertrauen, gegenseitigem Verständnis und Wahrnehmung der Dimension des Glaubens an der Schule

Kosten

Drei zusätzliche Lehrerstunden (in der Realschule z.B. über die 100-Minuten-Regelung umsetzbar), darüber hinaus ggf. ehrenamtliches Engagement.

 

Leitfaden für die konkrete Umsetzung

Der Begriff "Schulseelsorge" ist in seinem Bedeutungsspektrum nicht eindeutig definiert. Unter anderem kann Schulseelsorge Folgendes bezeichnen:

  • spirituelle Angebote an der Schule (z.B. Schulgottesdienste, Andachten, Besinnungstage etc.)
  • schulbezogene christliche Jugendarbeit
  • Seelsorge im engeren Sinn: Gesprächsangebote als Hilfe zur Lebensbewältigung

Im hier vorgestellten Projekt steht der zuletzt genannte Aspekt im Zentrum.

1. Ausgangssituation

In Schulen gibt es längst verschiedene Möglichkeiten der Beratung und der Intervention bei persönlichen Krisen und Konflikten (z.B. Verbindungslehrer/innen, Schulpsychologen/innen, Schulsozialarbeit). Häufig übersteigt der zunehmende Beratungsbedarf auf Seiten von Schülern (und Lehrern bzw. Eltern) jedoch die vorhandenen Ressourcen um ein Vielfaches. Hier kann Schulseelsorge in der Kooperation mit den existierenden Angeboten einen spezifischen Beitrag leisten.

Ausgangspunkt der seelsorgerlichen Beratung sind dabei z.B.:

  • Schulprobleme: Leistungsabfall, Motivations- und Antriebsschwäche u.ä.
  • Mobbing in der Klasse, "Hass-Pages" im Internet etc.
  • Beziehungsprobleme: in der Herkunftsfamilie (Eltern, Geschwister) oder mit dem Freund / der Freundin

Nicht selten begegnen auch weitere Probleme oder Fragen wie:

  • Gewalt in der Familie
  • sexueller Missbrauch
  • Schwangerschaftskonflikte
  • Essstörungen (Magersuch/Bulimie etc.)
  • Selbstverletzungen ("Ritzen" etc.)
  • Suizidgefährdung
  • Drogen- bzw. Alkoholmissbrauch
  • Trauerbewältigung (Tod von Angehörigen oder Freunden)
  • Sinn- und Glaubensfragen: Minderwertigkeitsgefühle/Selbstannahme, Fragen nach dem Sinn des Lebens bzw. der existentiellen Relevanz von Glaube, Gebet etc. für das eigene Leben

2. Vorbereitung

Schulseelsorge steht und fällt mit geeigneten Personen. Das Vertrauen zumindest eines größeren Teils der Schüler und Schülerinnen bzw. des Kollegiums und der Schulleitung sollte im Lauf der Zeit gewonnen werden. In diesem Zusammenhang erscheinen folgende Aspekte wichtig:

  • Ein "Einfliegen" von ausgebildeten Seelsorgern (z.B. Pfarrer/innen) von außerhalb der Schule wird eher selten angenommen werden. Vertrauen wächst im Unterricht und im gemeinsamen Leben an der Schule. An unserer Schule ist z.B. einer der Schulseelsorger zugleich Verbindungslehrer und Personalratsvorsitzender.
  • Grundlegende Voraussetzung ist eine Seelsorgeausbildung (Schwerpunkt Gesprächsführung), wie sie kirchliche und staatliche Religionslehrkräfte zum Teil bereits mitbringen (z.B. als Pfarrer/in) oder wie sie in Fortbildungen an den Instituten für Lehrerfortbildung in Heilsbronn und Gars am Inn absolviert bzw. berufsbegleitend vertieft werden kann. Prinzipiell sollten Lehrkräfte aller Fächerverbindungen Mitglied eines Seelsorge-Teams sein können.
  • Wenn Schulseelsorge als ein vom christlichen Glauben getragenes Angebot verstanden wird, Menschen in der Schule in ihren Lebens- und Glaubensfragen zu begleiten, ist eine entsprechende persönliche Motivation unerlässlich. Nur mit einem solchen Profil wird Schulseelsorge ihren spezifischen Beitrag in der Kooperation mit den anderen Beratungsangeboten leisten können.
  • Schulseelsorge geschieht an unserer Schule in ökumenischer Zusammenarbeit. Sie ist offen für alle, die das Angebot in Anspruch nehmen wollen - unabhängig von ihrer Religions- oder Konfessionszugehörigkeit.
  • Wünschenswert ist ein Seelsorge-Team mit weiblichen und männlichen Mitgliedern.
  • Schulseelsorge braucht Zeiten und auch Räume, in denen Gespräche in einer angemessenen Atmosphäre stattfinden können.

3. Formen der Schulseelsorge

Folgende Formen werden an unserer Schule praktiziert:

  • Tür-und-Angel-Gespräche
    • Erstkontakt von Seiten der Schüler/innen, z.B. in der Pause
    • Kollegen wenden sich an Schulseelsorger, z.B.: Eine Schülerin der 6. Klasse hört im Unterricht nicht auf zu weinen (Trauer um Familienmitglied); ihr Lehrer weiß nicht mehr, was er machen soll
    • Zugehen auf Schülerinnen, die den Anschein erwecken, dass sie Probleme haben: "Geht's dir gut?"
    • Schüler/innen wenden sich an Schulseelsorger (Sorge um Freunde, Gefühl der Überforderung), z.B.: "Könnten Sie nicht mal mit dem reden - der kifft nur noch..."
  • Vereinbarte Gesprächstermine
    • nach Unterrichtsschluss bzw. in Freistunden der Schüler/innen und Schulseelsorger
    • zum Teil regelmäßige Begleitung über längeren Zeitraum, ggf. mit Einbeziehung der Eltern (natürlich nur mit Zustimmung des Schülers)
  • Telefongespräche / Briefseelsorge
  • Krisen-Seelsorge bei Todesfällen in der Schulgemeinschaft
    • Gruppen- und Einzelbetreuung im Rahmen des Krisen-Interventions-Teams der Schule
    • Gestaltung von Erinnerungsort, Andacht u.ä. gemeinsam mit betroffenen Schüler/innen

Eine weitere Möglichkeit ist es, feste Sprechzeiten anzubieten. In jedem Fall ist eine ausreichende Information der Schüler/innen über das Angebot wichtig, so dass ein niederschwelliger Zugang möglich ist.

4. Grenzen von Schulseelsorge und notwendige Kooperationen

Schulseelsorge muss sich ihrer Grenzen bewusst sein. Insbesondere bei starken Persönlichkeitsstörungen wie Sucht, Missbrauch o.ä. muss umgehend auch professionelle therapeutische Hilfe in Anspruch genommen werden. Die Kooperation mit Schulpsychologen, dem Jugendamt, Beratungsstellen (z.B. beim Gesundheitsamt, der Diakonie oder der Caritas) und Psychotherapeuten gehört deshalb zum Selbstverständnis verantwortlicher Schulseelsorge.

 

Pädagogische Auswirkungen

Die Resonanz auf Seiten der Schülerinnen und Schüler auf das Angebot ist so hoch, dass es eigentlich ausgeweitet werden müsste. Nach einer gewissen Anlaufzeit werden die Schulseelsorger darüber hinaus nicht nur von der Schulleitung, sondern auch von Seiten der Lehrkräfte immer häufiger bei Problemen und Krisen von Schüler/innen (oder auch Lehrer/innen) hinzugezogen. Es hat den Anschein, dass das vertrauensvolle Miteinander in der Schulgemeinschaft dadurch gefördert werden kann.
Ein wichtiger Aspekt ist auch, dass häufig präventiv gearbeitet wird, bevor Problemsituationen so eskalieren, dass die schulische Karriere von Schüler/innen dauerhaft beeinträchtigt ist.
Auch in einer Reihe von Krisensituationen (Todesfälle von Schülern) hat es sich als hilfreich erwiesen, dass Schulseelsorger als Teil der Krisen-Interventions-Teams zur Verfügung standen.

Insgesamt ergänzt das Schulseelsorge-Angebot auf diese Weise den für das pädagogische Profil unserer Schule wichtigen Bereich "Herz und Charakter".

 

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Entwickelt wurde das "Heilsbronner Modell der Schulseelsorge" an der Markgraf-Georg-Friedrich Realschule Heilsbronn.
Ansprechpartner: Pfarrer Randolf Herrmann (E-Mail) und Realschullehrer Walter Merdes (E-Mail)

 

© Randolf Herrmann / Walter Merdes 2008

 

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