Inspirationen

Spirituelle Impulse und Worte zum Nachdenken, geschrieben und gestaltet von Mitarbeitenden des RPZ, jeden Monat neu.

Abendmahl - ein Opfer?

Das Abendmahl ist seit Beginn des Christentums ein zentrales Ritual des christlichen Glaubens. Ein „Sakrament“, also etwas Heiliges! In den Kirchen stehen die Gläubigen gemeinsam um den Altar, trinken Wein aus einem Kelch und essen andächtig eine Oblate, untermalt von Orgelklängen und in geheimnisvoller Atmosphäre (natürlich haben sich mitunter auch andere Formen entwickelt, dieses Ritual gemeinsam zu begehen).

Aber welche Bedeutung hat dieses gemeinsame Tun? Ein Gemeinschaft stiftendes Mahl fällt mir als erstes ein. Viele schöne Geschichten malen die Bedeutung des gemeinsamen Essens wunderbar aus. Es schafft Versöhnung zwischen Streitenden, lässt Gemeinschaft erleben und zeigt: „Wir gehören zusammen!“ Jeder kennt es von zu Hause, wie wertvoll die gemeinsamen Mahlzeiten sind, Zeit zum Reden und Feiern.
Dann sind da auch noch die Symbole „Brot und Wein“! Der Wein, Getränk des Feierns und der Freude. Das Brot steht für alles, was wir zum Leben brauchen („Unser tägliches Brot gib uns heute“). Brot mit anderen, vielleicht Bedürftigen, zu teilen, steht für die Bereitschaft zur Nächstenliebe („Brot für die Welt“).
Diese Überlegungen werfen bereits ein Licht auf die Tiefe der symbolischen Handlung, wenn Christinnen und Christen Abendmahl feiern.

Aber da stehen noch diese sperrigen, ja anstößigen Einsetzungsworte: „Nehmet hin und esset: Das ist mein Leib, der für euch gegeben wird.“ – „Nehmet hin und trinket alle daraus: Das ist mein Blut …“. Wie soll man, als Mensch des 21. Jahrhunderts, diese Sätze verstehen? Schauderhafte Aussagen, die ohne Zweifel (auf den ersten Blick) etwas Kannibalisches haben. Vor allem, wenn man die Entstehung des Christentums als eine jüdische Erneuerungsbewegung in den Blick nimmt, verstoßen diese Worte gegen ein grundlegendes jüdisches Gebot: Das Verbot mit Blut auch nur in Berührung zu kommen. Ist es, so gesehen, nicht ein skandalöses Ritual?

Gerd Theißen, ein Fachmann für Neues Testament, betrachtet die christlichen Rituale aus Sicht der Religionsgeschichte (vgl. Gerd Theißen, Die Religion der ersten Christen. Eine Theorie des Urchristentums, Gütersloh 2000, S. 171-217). Er stellt die Entwicklung des Abendmahls in den Kontext der antiken Religionen, in dem das Abendmahl und dessen Interpretation entstanden sind.
Die ersten Christen haben mit der Einführung des Abendmahls etwas Einzigartiges in der Welt der antiken Religionen geschaffen: Eine Religion ohne Opfer!
Opfer – was steckte hinter diesen Ritualen? Sie symbolisierten die menschliche Grunderfahrung, dass es kein Leben gibt, das nicht auch auf Kosten anderen Lebens ermöglicht wird. Tiere werden geschlachtet und zur Nahrung gebraucht. Eltern ziehen ihre Kinder unter Entbehrungen auf, andere leisten schwere Arbeit um Häuser zu errichten oder als Bauern Nahrung zu erzeugen, und zum Schutz des eigenen Lebens vor Feinden und wilden Tieren sind Waffen unumgänglich. So stellte sich das Leben den Menschen vor 2000 Jahren dar. Wenn wir auf unsere heutige Welt blicken, erkennen wir aber auch die Aktualität dieser Erfahrung. Menschen hinterlassen immer „Spuren“ auf unserem Planeten und leben auf Kosten der Nachfahren (Umweltbelastungen), Menschen in anderen Ländern arbeiten für den Luxus in den Industriestaaten, Hamburger, Bratwürste und Schweinebraten setzen einfach das Schlachten von Tieren voraus, und der Schutz durch die Polizei ist auch heutzutage nicht überflüssig geworden. Es ist keine Frage persönlicher Schuld oder Verfehlung, sondern die Feststellung eines menschlichen Zustandes, dem wir, trotz allen Bemühens, nicht entrinnen können. Wer das Gegenteil behauptet, verschließt die Augen vor den Schattenseiten menschlicher Existenz.

Kehren wir in die Zeit der Anfänge des Christentums zurück: An die Stelle der blutigen Opferrituale tritt ein gemeinsames Mahl, Brot und Wein werden zwischen den Angehörigen unterschiedlichster Schichten und Nationalitäten geschwisterlich geteilt. So wie bei diesen gemeinsamen Feiern könnte das Leben sein, Reich Gottes! Es wird gerade nicht „auf Kosten anderer“ gelebt, sondern die gelebte „Nächstenliebe“ in der Gemeinde ermöglicht ein anderes Zusammensein. Das erwartete Reich Gottes wird bereits in der Gegenwart vorweggenommen – und ist zugleich Perspektive und Lebensgrundlage.
Durch die Deutung als Leib und Blut Christi erhält das Ritual eine weitere, tiefere Dimension. Es wird die nach wie vor gültige Erfahrung präsent gemacht, dass wir trotzdem in dieser Welt nicht anders können, als „auf Kosten anderer“ zu leben. Das Ritual wird geerdet in der Realität. Abendmahl zu feiern ist keine „heile Welt Veranstaltung“. Es ist vielmehr Ausdruck einer Hoffnung und Gewissheit, dass das Leben auf Kosten anderer überwunden werden kann, zunächst in kleinen Schritten, bei denen aber unsere Verstricktheit in die Dunkelheiten des Lebens nicht aus dem Blick gerät. „Die Rituale sprechen uneingestanden das verborgene antisoziale Wesen des Menschen aus. Aber sie tun es, um dies antisoziale Wesen des Menschen in Motivation zu prosozialem Verhalten zu verwandeln.“ (aaO. S. 190)

Mir ist eine solche, zugegebenermaßen etwas sperrige Deutung des Abendmahls sehr sympathisch. Wahrscheinlich hängt es damit zusammen, dass ich als Referent für Förderschulen immer die Lebenswelten unserer Schülerinnen und Schüler vor Augen habe. Diese sind sehr oft auch von den Dunkelheiten des Lebens berührt (Krankheiten, Behinderungen, Gewalt und Missbrauch, Armut, ...). Daher ist mir am Christentum so wichtig, dass es die Schattenseiten des Lebens nicht ausblendet (auch in den biblischen Überlieferungen), sondern in der Hoffnung und im Glauben an einen guten Gott trotzdem Mut zum Leben und zum rechten Handeln macht – auch im Feiern des Abendmahls.

Ulrich Jung

(Referat Förderschulen am RPZ)

Oktober 2017

Gnade! Womit habe ich das verdient?

Ich mag Gnade. Ich mag es gnädig behandelt zu werden und manchmal schaffe ich es, auch gnädig zu sein.

"Seien Sie bitte gnädig zu uns und schreiben Sie heute keine Ex!" Welche Lehrkraft kennt diese inständige Bitte von Schülerinnen und Schülern nicht. Ich jedenfalls kenne sie.

Ein wenig kommt es darauf an, wer aus der Klasse mich bittet: Ist es die freche, laute und nervige Schülerin, die es irgendwie immer schafft, mich auf die Palme zu bringen? Ist es der nette, freundliche und interessierte Junge, der sich immer eifrig beteiligt? Dann kommt es auch darauf an, ob ich noch dringend Noten brauche, weil der Termin der Notenabgabe immer näher rückt, oder ob ich ganz entspannt alles im Griff habe.

Wenn ich mich dann dazu durchringe, keine Ex zu schreiben, geht es mir einerseits gut damit, denn ich bin schon gerne der "good cop" - andererseits lauert dann schon im Hinterkopf der Gedanke, man könnte mich und meine Gutmütigkeit ausnützen, oder man nähme mich nicht ernst! Es ist nicht immer einfach, Gnade zu zeigen!

"Gnade" ist ein zentraler reformatorischer Begriff. Im zweiten Hauptstück des Kleinen Katechismus steht folgendes zu lesen – gerade im Monat, in dem sich 500 Jahre Reformation bündeln:

"Ich glaube, dass mich Gott geschaffen hat samt allen Kreaturen, mir Leib und Seele, Augen, Ohren und alle Glieder, Vernunft und alle Sinne gegeben hat und noch erhält ..., ohn‘ all mein Verdienst und Würdigkeit". "Ohn‘ all mein Verdienst und Würdigkeit" bedeutet nichts anderes als "aus Gnade".

Unsere Gesellschaft bräuchte jede Menge Gnade - strahlt aber genau das Gegenteil aus:
Wir werden zur Selbstoptimierung getrieben: Bodyforming und perfekter Halt fürs Haar, Effizienz und Selbstoptimierung, Gesundheit und Coaching, optimaler BMI und ideale Blutwerte, Faltenlosigkeit und ewige Jugend, eiserne Selbstdisziplin und unerschöpfliche Produktivität – und dabei ist Mann und Frau auch noch perfekter Familienmensch, Ehrenamtlicher und sozial Verantwortliche ...

All das zu haben und zu sein, spiegelt vor, dass man es selbst schaffen könnte. Nichts ist dem oder der unmöglich, der oder die sich wirklich anstrengt. So wirken zumindest etliche Facebook-Profile – wie ein überdimensioniertes Selfie.

Bei mir klappt das unglücklicherweise nicht - ich habe leider viel zu selten diese oben genannten Eigenschaften. Schokolade und nicht Sport formte meinen Körper, mein Haar braucht keinen Halt mehr, denn es wird immer weniger. Ich bin manchmal nur eisern im "Extrem-Couchen" und die Treppen waren früher nicht so steil. Und auch als Ehemann und Vater gibt es noch Luft nach oben.

Ich bin auf Gnade angewiesen - jeden Tag meines Lebens. Immerzu brauche ich Menschen, die gnädig mit mir sind, die meine Unzulänglichkeiten hinnehmen und mich trotzdem annehmen.

Das, was mir in meinem Leben an Annahme begegnet - "Ohn‘ all mein Verdienst und Würdigkeit" – das zeigt mir, welchem Gottesbild die Reformation anhängt. Dieses Bild ist mir nahe und teuer.

Ich bin schon recht!

Armin Hamann

(Ausbildung der Religionspädagog*innen am RPZ)

September 2017

Ein wenig Muße für uns ...

Muße lebt von der Freiheit von Effizienz - sich treiben lassen

Einfach loslaufen ohne Absicht und zurückgelegte Kilometer.  Wer gern ein gutes Buch liest, evtl. sogar ein Fachbuch, sollte bitte nicht die Seiten zählen und unbewusst der Frage nachhängen, ob das etwas für meine Arbeit austrägt.
Meine neue Erfahrung ist das herrliche Baden im Eiskanal. Ein wunderbares sich treiben lassen, ohne dass man zählt, wie viel Strecke man gemacht hat.

Muße ist sehr sinnvoll, aber zwecklos - Gehirnerfrischung

Man kann heute viel abbilden. Die wunderbare Entdeckung ist, dass bei Tätigkeiten der Muße und bei zweckfreien Tätigkeiten mehr Hirnregionen aktiv sind als bei konzentrierten Arbeiten. Das Gehirn lässt locker und belebt sich frisch. Es beschäftigt sich mit sich selbst.
Dies ist zugleich eine Zeit der Inspirationen und Geistesblitze. Nicht verwunderlich, wenn man locker lässt, kommt neues auf dich zu. Also auf zu herrlichen Spaziergängen des Gehirns.

Die Muse küsst gern die Muße

Schon gewusst, dass John Lennon seine besten Songs nach einem Mittagsschlaf schrieb? Und Isaac Newton erkannte die Schwerkraft beim Hinausblicken in den Garten. Ich denke, das kennt jeder: Wie viele Einfälle da sind, wenn man z. B. flaniert und zwecklose Dinge tut. Nur, warum wird das so häufig vergessen?

Muße ist aller Liebe, nicht des Lasters Anfang

Gönnen wir uns einfach öfter mehr Leerlauf und nicht die dauernde Frage nach dem, was noch erledigt werden soll und muss. Wie kann es gelingen? Etwas tun, was man sehr gern mag! Der Flow dabei ist Muße. Es geht nicht nur ums Nichtstun, sondern um ein Tun, das erfrischt, das berührt. Das ist keine Technik, die man erlernt, aber eine Haltung - einfach mal loslaufen, losplätschern, lostanzen, loslieben etc.
Warum? Egal!

Uns viel Muße!

Bernd Paulus

(Leitung der Kurse "Mittendrin ... und gern dabei" für Religionspädagog*innen und Katechet*innen)

August 2017

Die Chance der Langeweile

Ich habe endlich einmal wieder Langeweile
diesen Schatz will ich nicht ohne Not aufgeben ...

Ich sitze einfach da und schaue vor mich hin
             – ich muss nicht aufmerksam sein
Ich bin frei zu entdecken, was mir in den Sinn kommt
             - es muss nichts erledigt werden
Ich habe Raum für eigene Kreativität
             – und ich muss nichts liefern
Ich könnte so vieles
             – aber ich muss es nicht ...

Das ist einfach verlockend -
nichts zu planen und zu schauen, was entsteht!

In diesem Sinn wünsche ich Ihnen eine erholsame Sommerzeit,
in der auch die lange Weile nicht zu kurz kommt!

Mögen deine Gedanken
manchmal einfach so
mitten am Tag zur Ruhe kommen,
ohne festes Ziel auf eine Reise gehen,
in neue Perspektiven eintauchen,
fremd und verlockend bunt und schön.
Mögest du immer wieder Momente entdecken,
in denen sich der Himmel auftut,
das Leben in einem neuen Licht erscheint,…
und du gespannt darauf bist,
was Gott mit dir vor hat.
Segenswunsch

Ihre Susanne Menzke

(Referat Elementarbereich am RPZ)

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