Kaleidoskop > Februar 2012
Menschenskinder - Annäherungen an uns selbst
Der italienische Humanist Giovanni Pico della Mirandola (1463 -1494) lässt in seiner Abhandlung „Über die Würde des Menschen“ (1486) Gott den Schöpfer sein frisch geschaffenes Werk, seinen Adam, folgendermaßen ansprechen: „In die Mitte der Welt habe ich dich gestellt, damit du von da aus bequemer alles ringsum betrachten kannst, was es auf der Welt gibt … Du kannst nach unten hin ins Tierische entarten, du kannst aus eigenem Willen wieder geboren werden nach oben in das Göttliche“. Pico hat mit dieser Beschreibung dem Schöpfergott eine moderne Sicht des Menschen, eine begrifflich noch mittelalterliche, aber inhaltlich schon neuzeitliche Anthropologie (Lehre vom Menschen) in den Mund gelegt. Der Mensch als weltoffenes Wesen, der sich vom Tier durch seine mangelnde Instinktsteuerung unterscheidet und dadurch gezwungen ist, selbst aus sich zu machen, was er werden kann oder will. Lange Zeit hat man dementsprechend gefragt: was ist der Mensch? Was kann er noch alles werden, was kann er noch alles erreichen? Fortschrittsglaube, pädagogischer Idealismus, Pioniergeist knüpften sich an diese Anthropologie. Viel Gutes ist daraus entstanden, dass wir Menschen uns viel zutrauen. Auch als Gemeinde dürfen wir uns zutrauen, dass wir gestalten, Neues schaffen können. Wir können uns zumuten, immer wieder neu zu fragen, was gutes Leben für uns und andere bedeuten kann und uns dafür einzusetzen. Pico und viele nach ihm sahen sich in einer optimistischen Sicht des Menschen auch durch die Bibel bestätigt, heißt es doch schon in der Schöpfungsgeschichte (1.Mose 1, 26-28), der Mensch sei Gottes Ebenbild. Wenn ich zu dem Stichwort „Ebenbild Gottes“ meine eigenen inneren Bilder in mir aufsteigen lasse, sehe ich einen jugendlichen Adam vor mir und eine nackte, schöne Eva, wie sie Lukas Cranach in diversen Variationen gemalt hat. Aber Adam, der Mensch, wurde aus diesem Paradies vertrieben. Heute hinterlassen die Phantasien vom Mensch als der Krone der Schöpfung nicht selten auch einen bitteren Nachgeschmack, wie bittere Medizin. Wenn z.B. vom „Neuro-Enhancement“ die Rede ist: darunter versteht man die „Verbesserung“ der geistigen Fähigkeiten eines an sich gesunden Menschen durch die Gabe von Medikamenten, die die Konzentration und Leistungsfähigkeit steigern. Spuren dieser Medikamente lassen sich bereits in amerikanischen Flüssen nachweisen, weil die medikamentöse Nachbesserung der schulischen Leistungen des Nachwuchses ebenso gefordert ist wie das Manager-Doping. Wer nicht mithält, hat das Nachsehen. Wie schwer es ist, sich dem Druck zu immer mehr Leistung zu entziehen, haben die Doping-Fälle im Rahmen der Tour de France gezeigt. Der Mensch, die gedopte Krone der Schöpfung? Solchem schneller, höher, weiter können viele Menschen nicht lange standhalten: Das zeigt sich v.a. am ganz frühen Anfang menschlichen Lebens und an seinem Ende, den Bereichen, die heute in der Anthropologie am stärksten diskutiert werden. Manche Ethiker erwägen eine Zustimmung zur Praxis der aktiven Sterbehilfe, wenn ein Mensch z.B. aufgrund einer fortgeschrittenen Demenz nicht mehr die kognitiven (denkerischen) Fähigkeiten hat, die eine selbstbewusste Person aus ihm machen. Oder: Ein Fötus oder eine befruchtete Eizelle, von denen bekannt ist, dass sie sich „nur“ zu behinderten Menschen entwickeln können, wird in der Regel schnell „verworfen“. Ich denke, es läuft schon etwas schief in unserem inneren Menschenbild, wenn wir nur den jungen, kraftstrotzenden Adam vor uns sehen oder die selbständige, initiativenreiche Eva, verzweifelt um ihre Selbstbehauptung kämpfend. Alles Schwache, abhängig Machende muss dann abgespalten werden. Das lief schon in der Paradiesgeschichte irgendwie schief. Als Gott fragte: Adam, wo bist du? (1. Mose 3,9) hatte sich schon eine Grenze, eine Trennung zwischen den Schöpfer und sein Geschöpf geschoben. Seitdem neigen wir dazu, uns mit unserem Schöpfer zu verwechseln. Unter den Bedingungen der Postmoderne müssen wir uns ständig selbst neu erfinden, müssen neu definieren, wer und was wir sind oder noch sein könnten.
Könnte es Alternativen geben zu diesem Menschenbild des immer Größer, Schneller, Intelligenter, Gesünder? Gottes Ebenbild sein, das könnte auch bedeuten, mit Gott in einer engen, einer liebevollen Beziehung zu stehen. Wir könnten versuchen, uns in unsere Rolle als Geschöpfe hineinzufühlen, mehr und mehr hinein zu leben. Aus dieser Beziehung kann eine große Gelassenheit entspringen. Die Sprüche vom nicht Sorgen aus der Bergpredigt Jesu weisen in diese Richtung: „Sorgt euch nicht um euer Leben, was ihr essen und trinken werdet; auch nicht um eueren Leib, was ihr anziehen werdet…seht die Vögel unter dem Himmel an: sie sähen nicht, sie ernten nicht, sie sammeln nicht in die Scheunen; und euer himmlischer Vater ernährt sie doch (Mt. 625-26). Was heißt das unter den Realbedingungen eines Lebens zu Beginn des Jahres 2012? Es geht darum, wie wir leben und wie wir leben, hat damit zu tun, wie wir miteinander umgehen. Geschöpflich zu leben könnte z.B. heißen, befreit zu leben und uns und unsere Mitmenschen als freie Kinder Gottes zu achten (vgl. Galater 5,1), die nicht erst etwas aus sich machen müssen, bevor sie für uns wertvoll werden. Ein weiter Weg ist es bis dahin, vor allem ein innerer Weg, das wohl. Aber es könnte doch sein, dass wir uns gegenseitig auf diesem Weg wieder zu einem Geheimnis würden und wir Gott ganz neu zu fragen beginnen würden: „was ist der Mensch, dass du seiner gedenkst, und des Menschen Kind, dass du dich seiner annimmst (Psalm 8, 5)?
Dr. Heiner Aldebert

Krisenintervention an Schulen