Kaleidoskop > Februar 2017

Die Eingeladenen

 

Es ist Samstagabend. Sara war noch im Gemüsegarten und kommt nun nach Hause. Sie stellt den Korb mit den Möhren in der Küche ab. Micha, ihr Mann, sitzt auf dem kleinen Holzhocker und starrt in die Flammen des Küchenfeuers.
"Micha, was ist los mit dir? Du bist so schweigsam."
"Ich glaube, ich habe einen Fehler gemacht", antwortet er und legt ein kleines Holzscheit nach. Das Feuer knistert, Stille breitet sich im Raum aus.
"Nun lass dir doch nicht jedes Wort einzeln aus der Nase ziehen!" Herausfordernd blickt sie ihren Mann an.
"Gerade habe ich den Boten zurückgeschickt. Ich wurde zu einem Fest eingeladen. Aber ich werde nicht hingehen, weil wir doch erst geheiratet haben und ich dich nicht allein lassen will."
"Ein Fest?", Sara setzt sich ans Küchenfeuer. "Wir hätten doch zusammen hingehen können."
"Daran habe ich gar nicht gedacht. Ich weiß nicht, ob das möglich gewesen wäre."
Sara nimmt seine Hand. "Und, hast du danach gefragt?"
Micha hebt den Kopf und schaut sie an. "Nein."
"Na, das ist ja wieder mal typisch! Komm, wir gehen hin und fragen."
Sie löschen das Herdfeuer und machen sich auf den Weg.
Unterwegs treffen sie Simeon, den reichsten Bauern im Dorf. Es sitzt am Wegesrand und lässt die Schultern hängen.
"Was ist los mit dir, Simeon?", fragt Micha.
Simeon blickt auf. "Jetzt habe ich so viel Erfahrung und habe mich doch wie ein Anfänger über’s Ohr hauen lassen. Schau dir diesen steinigen Acker an! Teures Geld habe ich dafür bezahlt. Da hätte ich auch auf das Fest gehen können."
"Was, du bist auch eingeladen?", Sara setzt sich neben ihn. "Komm doch mit! Wir wollen fragen, ob wir noch mitfeiern können."
"Also gut", entgegnet Simeon. "Schlimmer kann’s nicht werden."
Am Ende des Dorfes treffen sie Samuel, der sich mit zehn Ochsen abmüht.
"Ihr kommt gerade recht", ruft er. "Macht doch mal da drüben das Gatter auf!" Sara eilt zur Wiese und öffnet das Holztor. Simeon und Micha helfen mit, die Tiere auf die Weide zu treiben.
"Da hattest du mehr Glück als ich", Simeon blickt immer noch mürrisch drein.
"Das war auch dringend nötig", antwortet Samuel. "Bald wird unser viertes Kind geboren und ich muss den Bauernhof vergrößern."
Die vier stehen etwas unschlüssig vor dem geschlossenen Gatter.
Sara schaut in die Runde und sagt dann zu Samuel: "Komm doch mit! Wir wollen zu dem Fest. Vielleicht lassen sie uns noch rein."
Sie wandern ein Stück weiter und kommen schließlich zum großen Festsaal. Vor dem Eingang stehen zwei Einbeinige mit ihren Krücken und prosten sich zu. Es sieht lustig aus, wie die beiden ihre Weinbecher balancieren und sich dabei abstützen.
Kritisch betrachten die beiden die Neuankömmlinge. Simeon will sich schon umdrehen, da eilt der Hausherr aus dem Festsaal.
"Endlich seid ihr da!", ruft er freudig und schüttelt ihnen die Hand. "Ich habe euch schon erwartet. Kommt herein!"
Simeon gibt sich einen Ruck. "Vielen Dank, dass wir noch dabei sein dürfen."
Micha und Samuel stützen die beiden Einbeinigen und so kommen sie alle in den Festsaal.
"Siehst du", flüstert Sara ihrem Mann ins Ohr und hakt sich auf der anderen Seite ein. "Gut, dass du mich hast!"

Mit einer Gruppe Erwachsener haben wir das "Gleichnis vom Festmahl" durch die Methode des Godly-Play erlebt. Danach gab es mehrere Stationen zur biblischen Geschichte. An der Station, wo es um die "Zurückgebliebenen" geht, ist dieser Text entstanden. Ich spiele hier ein wenig mit der Fantasie und mit der Hoffnung, dass die drei Männer ihre Absage überdenken. Und ich wollte der einzigen Frau im Gleichnis, der Ehefrau eines der Eingeladenen, eine größere Rolle zukommen lassen. Wie es im echten Leben ja auch ist.

Volker Linhard

 

 

 

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