Kaleidoskop > November 2016

 

Manchmal könnte man es mit der Angst zu tun bekommen. Terror, Gewalt und Misstrauen haben längst unser Land, unsere direkte Nachbarschaft erreicht. Es gibt Tage, da sind sie unmittelbar präsent und spürbar. Auch wenn ich in die Zeitung blicke, die Nachrichten ansehe oder das Radiogerät einschalte. Nachrichten über Krieg und Hass prägen die Schlagzeilen. Ich fühle mich dem hilflos ausgeliefert, ohnmächtig. Eine Fassungslosigkeit, in der ich kaum Worte finde – und trotzdem spüre ich, dass da mehr ist. Eine tiefe Überzeugung, dass dieser Teufelskreis durchbrochen wird. Mir kommt der Liedtext eines amerikanischen Musikers in den Sinn und der diese Überzeugung widerspiegelt. Da heißt es zum Beispiel mit Blick auf den Konflikt im Nahen Osten: "Kriegsmaschinen poltern über denselben Boden, auf dem einst Jesus stand. Und der Kommentator im Fernsehen erzählt mir, dass es schon immer so gewesen ist und dass es nichts gibt, was man tun könne. Beinahe glaube ich es ihm und beinahe denke ich nicht weiter darüber nach. Doch dann kommt es wie ein Schrei aus meinem Herz: Ich glaube, dass eines Tages alle Kinder Abrahams ihre Waffen niederlegen werden: In Jerusalem." (Zitiert und übersetzt aus dem Englischen nach dem Songtext "Jerusalem" von Steve Earle)

Es ist die biblische Hoffnung auf eine friedliche Völkerwallfahrt, die der amerikanische Songschreiber Steve Earle hier zitiert. Hoffnungsbilder, die bereits der Prophet Jesaja im achten Jahrhundert vor Christus zeichnete und die den Berg Zion zum Symbol für Frieden und Verständigung werden lassen. An diese Vision schließt sich auch der Prophet Micha an. Auch bei ihm wird der oft umkämpfte Berg Zion zum Ausgangspunkt eines umfassenden Friedens. Jerusalem wird zum Ort der Gottesbegegnung, aus der die Völker der Erde verändert hervorgehen: "Sie werden ihre Schwerter zu Pflugscharen und ihre Spieße zu Sicheln machen. Es wird kein Volk wider das andere das Schwert erheben, und sie werden hinfort nicht mehr lernen, Krieg zu führen." (Micha 4,3)

Und auch das Lied von Steve Earle greift in der modernen Gegenwart die Prophetie des alten Israel auf, wenn er singt: "Doch ich glaube, dass ein Tag kommt, an dem Löwe und Lamm friedlich beisammen liegen: In Jerusalem. Dann wird es keine Barrieren mehr geben. Weder Stacheldraht, noch Mauer. Und wir können all das Blut von unseren Händen waschen und all den Hass in unseren Herzen ablegen." (Zitiert und übersetzt aus dem Englischen nach dem Songtext "Jerusalem" von Steve Earle)

Für mich sind das keine naiven Hoffnungsbilder, die hier gezeichnet werden. Es sind Bilder, die von einer tiefen Glaubensüberzeugung getragen sind, dass Gott scheinbar unüberwindbare Hindernisse einebnet. Es sind biblische Bilder, wie das Motiv des Löwen und des Lammes, die in einer Vision des Propheten Jesaja friedlich beisammen liegen.

Es ist keine Passivität, die aus diesen Bildern entspringt. Sie sind nicht da, um Unerträgliches schönzufärben, zu übertünchen und vergessen zu machen. Sie sind auch nicht da, um die Hände in den Schoß zu legen und zu warten.

Für mich sind es Bilder, die eine Hoffnungsperspektive entwerfen, die eine Zukunftsvision zeichnen und die mich zur Aktivität auffordern. Es sind Bilder, die mir die Kraft geben, mich selbst zu prüfen: Wo muss ich den Hass in mir überwinden, das Misstrauen, die Vorurteile? Wo kann ich mich mit anderen für Verständigung, für ein Miteinander und für Aussöhnung einsetzen? Das ist der Anbruch dessen, was die jüdisch-christliche Tradition als das Reich Gottes bezeichnet. Genau das bringt auch Rabbi Tarphon im zweiten Jahrhundert nach Christus zum Ausdruck: "Es ist dir nicht gegeben, das Werk zu vollenden, aber du bist nicht davon befreit, es zu beginnen."

Patrick Grasser

Foto: Pixabay

 

 

 

 

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