Die Frage „Wie frei sind wir?“ ist jedes Mal spannend. Dieser Stundenentwurf, der für eine Doppelstunde konzipiert ist, setzt bei der Wahrnehmung an. Er zeigt, dass unsere Wahrnehmung niemals völlig »frei« ist, sondern von verschiedenen Filtern gesteuert wird, was sowohl positive wie auch negative Folgen haben kann.
Das Kippbild als Einstiegsimpuls stimmt die SchülerInnen auf das Stundenthema ein, indem es deutlich macht, dass allein der Kontext die Wahrnehmung beeinflusst. Im Zentrum der Lernwegskizze steht dann der Podcast von Raphael Smarzoch. Ausgangspunkt des vielschichtigen Beitrages im »Deutschlandfunk Kultur« ist die kontroverse Diskussion um Filterblasen im Internet. Im weiteren Verlauf geht er auf die Funktion der menschlichen Wahrnehmung im Allgemeinen ein und endet mit Überlegungen zu einer digitalen Diskursethik.
Ziel der Stunde ist es jedoch nicht primär, den Inhalt des Podcasts in allen Details zu besprechen, sondern den SchülerInnen die Möglichkeit zu eröffnen, an diesem Beispiel selbst (bewusst) zu erfahren, dass ihre Wahrnehmung selektiv ist und durch das Vorhandensein verschiedenster Filter geprägt ist. Die SchülerInnen sollen sich während des Hörens Notizen zum Inhalt machen. Dabei geht es nicht in erster Linie darum, dass sie beim ersten Abspielen der Audiodatei alle Informationen erfassen. Da der Podcast mit ca. 30 Min. recht lang ist und inhaltlich ein komplexes Thema behandelt, ist dies sogar sehr unwahrscheinlich. Deshalb ist es wichtig, dass die Lehrkraft die SchülerInnen vor dem Abspielen des Podcasts auf diese Herausforderung hinweist. Erfahrungsgemäß gehen Schüler offener an den Arbeitsauftrag heran, wenn man ihnen verdeutlicht, dass dies Teil eines Experimentes ist. Der Begriff »Experiment« wird hier natürlich nicht im streng naturwissenschaftlichen Sinn gebraucht, sondern meint die Möglichkeit, etwas selbst zu erproben bzw. in Erfahrung zu bringen.
Thema und Methode sind bei diesem Modul eng aufeinander abgestimmt: Beim Vergleich der Notizen in wachsenden Gruppen fallen den SchülerInnen Abweichungen zwischen ihrer eigenen Mitschrift und der ihrer KlassenkameradInnen auf. Somit wird in Partner- bzw. Gruppenarbeit nicht nur der Inhalt des Podcasts erarbeitet, sondern die SchülerInnen erkennen, dass jeder Mensch selektiv wahrnimmt und somit schon ganz ohne Internet in seiner eigenen Blase lebt. Folglich wird eine Diskussion angestoßen, welche positiven und negativen Effekte Filter haben und wie eine freie Wahrnehmung aussehen kann.
Der Stundenentwurf bietet sich als Einstieg in ER 11.2 »Freiheit leben« an: Er ermöglicht es den SchülerInnen, »Gefährdungen und Ambivalenzen von Freiheit«[1] anhand von konkreten Beispielen zu beschreiben. Der zugrundeliegende Podcast »Filtern als Kulturtechnik« regt dazu an, sich mit der Wirkung der Filter näher auseinanderzusetzen und Nutzen und Gefahr im Unterrichtsgespräch zu erörtern. Dabei kann auch die Möglichkeit der (bewussten) Manipulation unserer Wahrnehmung diskutiert werden. Somit thematisiert das Stundenkonzept »Zusammenhänge von Freiheit und Bedingtheit im eigenen Erfahrungsbereich, wie z. B. […] Selbst- und Fremdbestimmung«[2]. Zudem leitet es die SchülerInnen an, »Verantwortung beim Agieren in digitalen Kontexten«[3] zu zeigen. Die Stunde kann ebenfalls in ER 12.2 eingesetzt werden. Schließlich setzen sich die SchülerInnen »mit der Begrenztheit menschlicher Wirklichkeitswahrnehmung auseinander und diskutieren mögliche Konsequenzen«[4]. Ausgehend von der Erfahrung der selektiven Wahrnehmung könnte der Konstruktivismus als »moderner erkenntnistheoretischer Ansatz«[5] behandelt werden.
Die SchülerInnen erkennen, dass es keine völlig freie Wahrnehmung geben kann. Insofern ist der Weg zur Besprechung des erkenntnistheoretischen Ansatzes des Konstruktivismus angebahnt. Gleichwohl soll in der Stunde auch aufgezeigt werden, dass es trotz unterschiedlicher Wahrnehmung der Wirklichkeit Wege gibt, mehr Objektivität herzustellen. Beim Vergleich mit dem Partner/der Partnerin und später in den Gruppen erleben die SchülerInnen, dass es durch einen offenen Austausch mit anderen Personen möglich ist, seine eigene Blase zu verlassen und seinen Horizont zu erweitern.
Sonja Siegismund
[1] [1] https://www.lehrplanplus.bayern.de/fachlehrplan/gymnasium/11/evangelische-religionslehre, aufgerufen am 02.08.2022.
[2] Ebd.
[3] Ebd.
[4]https://www.lehrplanplus.bayern.de/fachlehrplan/gymnasium/12/evangelische-religionslehre/grundlegend, aufgerufen am 06.10.2022.
[5] Ebd.
Die Schülerinnen und Schüler können …
Soz.form | Mat. | |
Einstieg Die Lehrkraft zeigt den SchülerInnen zunächst die erste Reihe des Kippbildes und bittet einen Schüler/eine Schülerin vorzulesen, danach wird die zweite Reihe aufgedeckt und durch einen anderen Schüler/eine andere Schülerin vorgetragen. Je nach Kontext wird das zweite Zeichen einmal als B (im Kontext von A und C) und einmal als 13 (im Kontext von 12 und 14) interpretiert. Somit wird deutlich, dass unsere Wahrnehmung nicht völlig frei ist, sondern von bestimmten „Filtern“ – in diesem Fall dem Kontext – gelenkt wird. | UG | M1 Kippbild |
Erarbeitung I Vor dem Abspielen des Podcasts ermuntert die Lehrkraft die SchülerInnen, offen an den Arbeitsauftrag heranzugehen. Während die Audio-Datei abgespielt wird (28.28 Min.), machen sich die SchülerInnen Notizen zum Inhalt. | EA | M2 Podcast, Heft |
Erarbeitung II Anschließend vergleichen die SchülerInnen ihre Notizen mit denen ihres Sitznachbarn/ihrer Sitznachbarin. Dabei dürften sie feststellen, dass es Differenzen zwischen den Mitschriften gibt. Die SchülerInnen thematisieren v.a. die Unterschiede, überarbeiten ihre Notizen gemeinsam und erstellen ein neues Skript. | wachsende Gruppen: PA | Heft |
Erarbeitung III Derselbe Schritt wird noch einmal in einer doppelt so großen Gruppe vollzogen: Die SchülerInnen vergleichen ihr in Partnerarbeit erstelltes Skript mit der Mitschrift des anderen Zweierteams und sprechen über die Gemeinsamkeiten und v.a. die Unterschiede. Prinzipiell kann dieser Schritt auch noch einmal in einer achtköpfigen Gruppe wiederholt werden. Zuletzt fertigen die SchülerInnen eine geordnete abschließende Version als Hefteintrag an. | Schüler-präsen-tation, UG | Heft, Doku-menten-kamera, evtl. M3 Skript |
Präsentation SchülerInnen aus den einzelnen Gruppen stellen ihre Ergebnisse vor. Wenn viel Zeit zur Verfügung steht, kann alternativ an dieser Stelle auch das Skript zum Podcast an die SchülerInnen ausgegeben und im Vergleich mit den Hefteinträgen der SchülerInnen besprochen werden. Gleichzeitig werden die Erfahrungen der SchülerInnen beim Hören, Mitschreiben und Vergleichen bzw. Überarbeiten thematisiert. Sie erkennen, dass ihre Wahrnehmung selektiv ist. Die SchülerInnen stellen fest,
| Schüler-präsen-tation, UG | Heft, Doku-menten-kamera, evtl. M3 Skript |
Erarbeitung IV Die SchülerInnen arbeiten die Bedeutung von Filtern in Bezug auf die menschliche Wahrnehmung »im Allgemeinen«, »in Hinblick auf Filterblasen im Internet« und »in Hinblick auf den Einsatz von Filtern bei Fotos« heraus. Dazu notieren sie sowohl positive wie negative Aspekte. Arbeitsaufträge
| EA | evtl. M3 Skript,Heft, M4 AB |
Sicherung und Diskussion Im anschließenden Unterrichtsgespräch werden die Ergebnisse der SchülerInnen gesammelt und die Bedeutung der Filter für die menschliche Wahrnehmung diskutiert. Auch verschiedene Standpunkte zur Existenz von Filterblasen im Internet können ein Thema sein. Zuletzt äußern die SchülerInnen ihre Überlegungen, wie eine »freie« Wahrnehmung aussehen kann. | UG | Heft, M4 AB, M5 Lösung |
Vertiefung Während der Text am Schluss in Bezug auf Sokrates Regeln für die Weitergabe von Informationen im Internet formuliert, sollen die SchülerInnen ausgehend von Paulus einen alternativen Schluss in Hinblick auf den Empfang von Informationen schreiben. Dabei können sie sich z.B. auf die im Text genannten Beispiele beziehen und konkrete Regeln für die Recherche im Internet formulieren. Überlege, wie Menschen möglichst frei in ihrer Wahrnehmung sein können. Schreibe einen alternativen Schluss. Gehe dabei nicht von Sokrates, sondern von Paulus Thes 5,21aus und konzentriere dich auf den Erhalt/die Aufnahme von Informationen. | kreatives Schreiben | Heft, evtl. M3 Skript M4 AB, M6 Zitat |
Wir bedanken uns herzlich bei allen Rechteinhabern für die Genehmigungen, ihr Material in diesen Entwurf mit aufzunehmen. Trotz aller Bemühungen ist es uns bei den Recherchen nicht in allen Fällen gelungen, die Urheber ausfindig zu machen. Sollten Fremdrechte bestehen, bitten wir die Rechteinhaber, uns zu benachrichtigen.
Ev 11.1 Wahrnehmung und Wirklichkeit
ER 11.2 Freiheit Leben
ER 12.2 Der imperfekte Mensch
Kippbild
M2 | Podcast
M3 | Script zum Podcast
Raphael Smarzoch: »Filtern als Kulturtechnik«, 2018, auf der Seite von »Deutschlandfunk Kultur«
M4 | Arbeitsblatt
Bedeutung von Filtern für die menschliche Wahrnehmung
M5 | Lösungsskizze
Bedeutung von Filtern für die menschliche Wahrnehmung
M6 | Zitat
Paulus 1. Thes 5,21