DIE GELBE 01|2018 

Vorwort

 

Endlich ist sie fertig, die erste Ausgabe der ›Neuen Gelben‹, wie sie im Redaktionsteam liebevoll genannt wird. Und das Warten hat sich gelohnt; denn im Folgenden erwarten Sie Beiträge zu einem zeitlos aktuellen Thema: Das Bewusstsein um ein alles andere als bruchloses Verhältnis von öffentlichem Diskurs und Theologie bzw. Religionspädagogik treibt die Gymnasialpädagogische Materialstelle von Anfang an um. Wie weiter unten deutlich wird, ist einer der roten Fäden durch fünf Jahrzehnte der GPM-Arbeit immer die selbstgestellte Aufgabe gewesen, Sprachfähigkeit herzustellen angesichts von als »Notsituation« empfundenen Herausforderungen der jeweiligen politischen und/oder didaktischen Gegenwartskultur.

Deshalb ist es aus vielen Gründen uneingeschränkt großartig, den Reigen der Texte mit einer Betrachtung eröffnen zu können, die genau diese ›Zweisprachigkeit‹, die Theologie und Theologen in der Schule immer wieder herausfordert, im Blick hat. In bester Tradition der Aktuellen Informationen (für deren letzte, nicht mehr erschienene Ausgabe der Aufsatz ursprünglich verfasst wurde) setzt sich Karl Friedrich Haag präzise und meinungs- wie sprachstark mit Jürgen Habermas auseinander und liefert den Leser*innen eine Grundlegung, die nicht nur für die folgenden Beiträge außerordentlich hilfreich ist.
         Reiner Anselm schließt sich mit einem ›Werkstattbericht‹ zur EKD-Schrift »Konflikt und Konsens« an, in dem er pointiert für ein engagiertes Einmischen der Kirche in sozialen und politischen Kontexten plädiert. Angesichts einer hellsichtigen Analyse rechtspopulistischer Strategien fordert er Selbstkritik ein, um den Anfängen wehrend für die Zukunft gerüstet zu sein.
           Manfred L. Pirner geht dann den für uns so relevanten Schritt von öffentlicher Theologie zur öffentlichen Religionspädagogik. In Fortschreibung von Gedanken, die in der ›alten‹ Gelben Folge 2015 (S. 62–81) veröffentlicht sind, und in Resonanz mit Denkfiguren der beiden vorhergehenden Texte, umreißt er den möglichen Beitrag des Religionsunterrichts zum gesellschaftlichen Zusammenhalt und damit auch zur Demokratie- und Menschenrechtsbildung in der Schule. Vor diesem Hintergrund gehört es für ihn auch zu den Aufgaben des Religionsunterrichts und der Religionslehrerbildung, ein kritisches, politisches Bewusstsein sowie die Bereitschaft zur Übernahme von schul- und gesellschaftspolitischer Verantwortung zu fördern.
           Wie es um die Gottesvorstellungen in der gegenwärtigen Gesellschaft vor allem bei Jugendlichen bestellt ist – und wie brüchig damit das konfessionelle Fundament unserer Arbeit zu werden droht – weisen im folgenden Beitrag Gert Pickel und Yvonne Jaeckel mit bestechender, geradezu bedrückender Klarheit nach. In einem Schlussgedanken ihres religionssoziologischen Rundumblicks, nämlich dass die Diffusion der Gottesvorstellungen möglicherweise auch als Kennzeichen einer Entsprachlichung von Religiosität zu verstehen sei, schließt sich ein erster Kreis dieses Bandes.
           Der letzte Aufsatz von Reinhold Bernhardt weitet diesen Blick wieder: Seine Gedanken zu Wahrheit und Toleranz – beziehungsweise den Wechselwirkungen dieser Begrifflichkeiten im (inter)religiösen Kontext – eröffnen zukunftsweisende Perspektiven für Dialog in einer pluralen Welt.

So spannungsvoll und spannend wie die Beiträge ist auch der Weg bis hin zur Entstehung dieser Publikation, und deshalb soll an dieser Stelle auch der Ort sein, um im Chronistenmodus zu umreißen, wie mit der ›Neuen Gelben‹ Tradition und Innovation zusammenkommen sollen.

Eigentlich beginnt der Weg bereits im Jahr 1969. Als unter Friedrich Seegenschmiedt die Gymnasialpädagogische Materialstelle gegründet wurde, stand vor allem zweierlei im Fokus: Zum einen die Kommunikation der Kolleg*innen untereinander, zum anderen die gegenseitige Hilfe. Wie der damalige Vorsitzende der Arbeitsgemeinschaft, Freiherr von Scheurl, im Vorwort der ersten Ausgabe der programmatisch betitelten gelben (!) Arbeitshilfe, schreibt: Es ging – und geht bis heute! – um »[e]ine Verbesserung des Nachrichtenflusses, de[n] Austausch von Unterrichtserfahrungen und von bewährten Stundenskizzen«. 

Und der frischgebackene Schriftleiter selbst ergänzte 1970 vor dem Hintergrund unverhoffter Umbrüche in der gymnasialen Landschaft: »Diese Notsituation kann nicht durch Verordnungen der Schul- oder Kirchenverwaltung bewältigt, sondern muss von dem einzelnen Religionslehrer selbst in der ›Schulstube› durchgestanden werden.« 
       Plus ça change, plus c'est la même chose …

Dieser Weg setzte sich im Jahr 1972 in eine etwas andere Richtung fort. Als Karl Friedrich Haag die Redaktionsleitung der GPM übernahm, begann eine Ära, von der die GPM bis heute zehrt: Der Fokus auf der gründlichen und sprachmächtigen systematisch-theologischen Durchdringung derjeniger Gegenwartsthemen, die die Lehrer*innen und Schüler*innen ›gerade angingen‹ (oder nach Meinung des Schriftleiters angehen sollten), hat die GPM von innen wie von außen maßgeblich geprägt. Das kann man auch daran ermessen, dass man, wenn man im ihrem Dienst außerhalb Bayerns unterwegs ist, auch heute noch darauf angesprochen wird, ›das sei doch der Laden, in dem immer so anspruchsvolle Sachen für die Oberstufe erschienen seien‹. 

Die ›Gelbe Reihe‹ entwickelte sich zum zentralen Medium, um die Kolleg*innen mit hohem Anspruch zunächst didaktisch und pädagogisch zu schulen, versammelte vor allem religionspädagogische Beiträge sowie eher kleinformatige Unterrichtsskizzen, die sogenannten ›Brocken‹. In beiden wurde auch immer wieder auch die Literatur rezipiert und zugänglich gemacht, für deren Selbstlektüre im unterrichtlichen Alltagsgeschäft so wenig Zeit blieb: Dogmatisch, ethisch, anthropologisch, theologisch auf dem Laufenden zu bleiben – dieser Herausforderung sollte wenigstens andeutungsweise begegnet werden. Daneben entstand die mit einem markant getönten Umschlag versehene und separat nummerierte ›Blaue Reihe, die als ›Aktuelle Information‹ (so der offizielle Titel) jeweils einen Diskussionsbeitrag zu einer aktuell drängenden theologischen oder ethischen Thematik leisten sollte. 

Eine weitere Zäsur erfuhr der Weg im Jahr 2017. Um mit Wilhelm Busch zu sprechen: »Einszweidrei, im Sauseschritt / Läuft die Zeit; wir laufen mit.« Unter Karl Friedrich Haags Nachfolger Roland Deinzer war die ›blaue Reihe‹ unmerklich eingeschlafen. Die ›gelbe Reihe‹ hatte sich zwischenzeitlich endgültig zu einem Jahrbuchformat entwickelt. Damit entsprach sie zwar nach wie vor den Grundidealen der GPM, fand aber durch die veränderten Nutzungsgewohnheiten der Kolleg*innenschaft zunehmend weniger Zuspruch. Als im Zuge der Umstrukturierung der GPM, nunmehr als Teil des RPZ in Heilsbronn, das gesamte Programm auf den Prüfstand kam, lag es nahe, an dieser Stelle konzeptionell einzugreifen, um die Inhalte weiter – und die Zielgruppen wieder besser treffend – anbieten zu können. Anfang des Jahres erschien mit der Ausgabe 2016 der vorläufig letzte Band der ›Gelben Reihe‹.
           Ein Weiterentwicklung musste unter den Vorzeichen der Digitalisierung erfolgen: Nur so können Inhalte so schnell, passgenau, flexibel, multimedial angereichert sowie im Volltext bearbeit- und durchsuchbar publiziert werden, dass sie zur Bewältigung der alltäglichen »Notsituationen« geeignet sind. Dass diese Strategie erfolgreich ist, beweist Die Stunde des Monats, die von ihrem Format her der ehemaligen zweiten Hälfte, also den ›Brocken‹ der mit ›alten Gelben‹, am ehesten entspricht. Hier haben in einem wunderbaren Prozess des Engagements zahlreicher auch junger Kolleg*innen genau die 1969 eingeforderten »bewährten Unterrichtsskizzen« eine neue Heimat gefunden: in monatlichen Lieferungen, passend zu Schuljahr, zum Kirchenjahr, oder einfach zu den Zeitläuften, praktisch und pragmatisch.
           Dennoch soll auch der Wunsch nach mehr für die Praxis relevantem wissenschaftlichem Input nicht unerhört bleiben – den Versuch einer Antwort halten Sie in Händen bzw. haben Sie vor sich auf dem Bildschirm. Damit sind wir in der Gegenwart angekommen, denn mit der ›Neuen Gelben‹ will die GPM einen vertrauten Weg neu fortsetzen. Unser eJournal versucht, die Vorteile der Vorläufer zu verbinden, ohne sich allzu viele der Nachteile mit einzuhandeln: Es ist online frei einsehbar, im Volltext lesbar und so in die gesamtfachlichen, auch akademischen Diskurse mit einbindbar. Gleichzeitig liegt es in einer – ebenfalls frei zum Download bereitgestellten – EPUB- und PDF-Version auf, die den ›Papierleser*innen‹ unter den Interessierten die Möglichkeit zur traditionellen Lektüre bietet und zudem auch eindeutige Zitierbarkeit gewährleistet.
Damit bleibt an dieser Stelle einstweilen nur noch die Hoffnung, mit der ›Gelben‹ im neuen Gewand in guter Tradition, aber mit Blick nach vorn einen Beitrag zu Ihrer Weiter-Bildung leisten zu können. 

Wir wünschen anregende Lektüre!

 

 

Zum Autor

Dr. Johannes Rüster ist Redakteur in der Gymnasialpädagogischen Materialstelle. Er arbeitet am Paul-Pfinzing-Gymnasium als Englisch- und Religionslehrer sowie als Fachreferent am Staatsinstitut für Schulqualität und Bildungsforschung (ISB). Lehraufträge an der FAU sowie der Augustana-Hochschule.

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