Inspirationen

Spirituelle Impulse und Worte zum Nachdenken, geschrieben und gestaltet von Mitarbeitenden des RPZ, jeden Monat neu.

Gnade! Womit habe ich das verdient?

Ich mag Gnade. Ich mag es gnädig behandelt zu werden und manchmal schaffe ich es, auch gnädig zu sein.

"Seien Sie bitte gnädig zu uns und schreiben Sie heute keine Ex!" Welche Lehrkraft kennt diese inständige Bitte von Schülerinnen und Schülern nicht. Ich jedenfalls kenne sie.

Ein wenig kommt es darauf an, wer aus der Klasse mich bittet: Ist es die freche, laute und nervige Schülerin, die es irgendwie immer schafft, mich auf die Palme zu bringen? Ist es der nette, freundliche und interessierte Junge, der sich immer eifrig beteiligt? Dann kommt es auch darauf an, ob ich noch dringend Noten brauche, weil der Termin der Notenabgabe immer näher rückt, oder ob ich ganz entspannt alles im Griff habe.

Wenn ich mich dann dazu durchringe, keine Ex zu schreiben, geht es mir einerseits gut damit, denn ich bin schon gerne der "good cop" - andererseits lauert dann schon im Hinterkopf der Gedanke, man könnte mich und meine Gutmütigkeit ausnützen, oder man nähme mich nicht ernst! Es ist nicht immer einfach, Gnade zu zeigen!

"Gnade" ist ein zentraler reformatorischer Begriff. Im zweiten Hauptstück des Kleinen Katechismus steht folgendes zu lesen – gerade im Monat, in dem sich 500 Jahre Reformation bündeln:

"Ich glaube, dass mich Gott geschaffen hat samt allen Kreaturen, mir Leib und Seele, Augen, Ohren und alle Glieder, Vernunft und alle Sinne gegeben hat und noch erhält ..., ohn‘ all mein Verdienst und Würdigkeit". "Ohn‘ all mein Verdienst und Würdigkeit" bedeutet nichts anderes als "aus Gnade".

Unsere Gesellschaft bräuchte jede Menge Gnade - strahlt aber genau das Gegenteil aus:
Wir werden zur Selbstoptimierung getrieben: Bodyforming und perfekter Halt fürs Haar, Effizienz und Selbstoptimierung, Gesundheit und Coaching, optimaler BMI und ideale Blutwerte, Faltenlosigkeit und ewige Jugend, eiserne Selbstdisziplin und unerschöpfliche Produktivität – und dabei ist Mann und Frau auch noch perfekter Familienmensch, Ehrenamtlicher und sozial Verantwortliche ...

All das zu haben und zu sein, spiegelt vor, dass man es selbst schaffen könnte. Nichts ist dem oder der unmöglich, der oder die sich wirklich anstrengt. So wirken zumindest etliche Facebook-Profile – wie ein überdimensioniertes Selfie.

Bei mir klappt das unglücklicherweise nicht - ich habe leider viel zu selten diese oben genannten Eigenschaften. Schokolade und nicht Sport formte meinen Körper, mein Haar braucht keinen Halt mehr, denn es wird immer weniger. Ich bin manchmal nur eisern im "Extrem-Couchen" und die Treppen waren früher nicht so steil. Und auch als Ehemann und Vater gibt es noch Luft nach oben.

Ich bin auf Gnade angewiesen - jeden Tag meines Lebens. Immerzu brauche ich Menschen, die gnädig mit mir sind, die meine Unzulänglichkeiten hinnehmen und mich trotzdem annehmen.

Das, was mir in meinem Leben an Annahme begegnet - "Ohn‘ all mein Verdienst und Würdigkeit" – das zeigt mir, welchem Gottesbild die Reformation anhängt. Dieses Bild ist mir nahe und teuer.

Ich bin schon recht!

Armin Hamann

(Ausbildung der Religionspädagog*innen am RPZ)

September 2017

Ein wenig Muße für uns ...

Muße lebt von der Freiheit von Effizienz - sich treiben lassen

Einfach loslaufen ohne Absicht und zurückgelegte Kilometer.  Wer gern ein gutes Buch liest, evtl. sogar ein Fachbuch, sollte bitte nicht die Seiten zählen und unbewusst der Frage nachhängen, ob das etwas für meine Arbeit austrägt.
Meine neue Erfahrung ist das herrliche Baden im Eiskanal. Ein wunderbares sich treiben lassen, ohne dass man zählt, wie viel Strecke man gemacht hat.

Muße ist sehr sinnvoll, aber zwecklos - Gehirnerfrischung

Man kann heute viel abbilden. Die wunderbare Entdeckung ist, dass bei Tätigkeiten der Muße und bei zweckfreien Tätigkeiten mehr Hirnregionen aktiv sind als bei konzentrierten Arbeiten. Das Gehirn lässt locker und belebt sich frisch. Es beschäftigt sich mit sich selbst.
Dies ist zugleich eine Zeit der Inspirationen und Geistesblitze. Nicht verwunderlich, wenn man locker lässt, kommt neues auf dich zu. Also auf zu herrlichen Spaziergängen des Gehirns.

Die Muse küsst gern die Muße

Schon gewusst, dass John Lennon seine besten Songs nach einem Mittagsschlaf schrieb? Und Isaac Newton erkannte die Schwerkraft beim Hinausblicken in den Garten. Ich denke, das kennt jeder: Wie viele Einfälle da sind, wenn man z. B. flaniert und zwecklose Dinge tut. Nur, warum wird das so häufig vergessen?

Muße ist aller Liebe, nicht des Lasters Anfang

Gönnen wir uns einfach öfter mehr Leerlauf und nicht die dauernde Frage nach dem, was noch erledigt werden soll und muss. Wie kann es gelingen? Etwas tun, was man sehr gern mag! Der Flow dabei ist Muße. Es geht nicht nur ums Nichtstun, sondern um ein Tun, das erfrischt, das berührt. Das ist keine Technik, die man erlernt, aber eine Haltung - einfach mal loslaufen, losplätschern, lostanzen, loslieben etc.
Warum? Egal!

Uns viel Muße!

Bernd Paulus

(Leitung der Kurse "Mittendrin ... und gern dabei" für Religionspädagog*innen und Katechet*innen)

August 2017

Die Chance der Langeweile

Ich habe endlich einmal wieder Langeweile
diesen Schatz will ich nicht ohne Not aufgeben ...

Ich sitze einfach da und schaue vor mich hin
             – ich muss nicht aufmerksam sein
Ich bin frei zu entdecken, was mir in den Sinn kommt
             - es muss nichts erledigt werden
Ich habe Raum für eigene Kreativität
             – und ich muss nichts liefern
Ich könnte so vieles
             – aber ich muss es nicht ...

Das ist einfach verlockend -
nichts zu planen und zu schauen, was entsteht!

In diesem Sinn wünsche ich Ihnen eine erholsame Sommerzeit,
in der auch die lange Weile nicht zu kurz kommt!

Mögen deine Gedanken
manchmal einfach so
mitten am Tag zur Ruhe kommen,
ohne festes Ziel auf eine Reise gehen,
in neue Perspektiven eintauchen,
fremd und verlockend bunt und schön.
Mögest du immer wieder Momente entdecken,
in denen sich der Himmel auftut,
das Leben in einem neuen Licht erscheint,…
und du gespannt darauf bist,
was Gott mit dir vor hat.
Segenswunsch

Ihre Susanne Menzke

(Referat Elementarbereich am RPZ)

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