Inspirationen

Spirituelle Impulse und Worte zum Nachdenken, geschrieben und gestaltet von Mitarbeitenden des RPZ, jeden Monat neu.

Ich mag den Juni sehr. Die Erdbeeren, das Licht. Keine Gefahr mehr von Nachtfrösten, der Zenit des Sommers ist noch lange nicht erreicht, Vieles, worauf man sich freut, liegt noch vor einem, nicht nur einer, sondern mehrere Abende im Biergarten, wieder mehr Radl fahren, der Urlaub, die Sommerfeste. Alles fühlt sich leichter an im Juni. Der Juni atmet Zuversicht.

Nur mittendrin, dieses Jahr am 16. Juni, liegt dieses Fest, das Trinitatisfest, das Fest der Heiligen Dreifaltigkeit, für das ich meiner Gemeindepfarrerin eine Gottesdienstvertretung zugesagt habe, denn sie will es ja auch mal leichter haben im Juni und fährt in Urlaub. Ich bleibe zurück mit einem Fest, das es mir mitten im Juni schwer macht, denn während ich die Predigt schreibe, sehe ich vor meinem inneren Auge nicht diejenigen Weggefährten, die noch selbstverständlich beim Credo mitsprechen: Ich glaube an Gott den Vater, den Sohn und den Heiligen Geist, sondern ich sehe diejenigen vor mir, für die die einst vermeintlich so objektiven Heilstatsachen des christlichen Glaubens längst unglaubwürdig geworden sind.

Dabei ist das nicht neu. Schon Johann Wolfgang von Goethe hatte seine Probleme mit der Trinität: „Ich glaubte an Gott und die Natur und an den Sieg des Edlen über das Schlechte; aber das war den frommen Seelen nicht genug, ich sollte auch glauben, dass drei eins sei und eins drei; das aber widerstrebte dem Wahrheitsgefühl meiner Seele; auch sah ich nicht ein, dass mir damit auch nur im Mindesten wäre geholfen gewesen.“

Dass Jesus mehr gewesen sein soll als ein begnadeter Mensch, mit einem unendlich großen Herzen und viel Gottvertrauen, das können und wollen viele meiner Freundinnen und Freunde, nicht nur die ohne Konfession, sondern auch viele, die ich im Gottesdienst treffe,  nicht mehr glauben. Umgekehrt ist dann Gott nicht selten zurückgedrängt in maximale Ferne, beschränkt auf die philosophische Rolle einer vielleicht am Anfang aller Anfänge wirkenden ersten Ursache, warum überhaupt etwas ist und nicht vielmehr nichts.

Dass er aber wirklich hineinwirkt, mitten in mein Leben, dass er bei mir ist und seine Hand mich tatsächlich hält, wie soll ich das vermitteln an Menschen, für die die Verbindung zwischen Gott und Mensch (für die Jesus ja einst stand) nicht mehr existiert? Da komme ich ins Schwitzen, mitten im Juni!

Klar sind Gott und Jesus auf den ersten Blick getrennt, Jesus war ein Mensch und Gott ist der jenseitige Schöpfer aller Dinge. Aber ist das Getrennte vielleicht doch vereint, miteinander vereinbar?

So paradox das klingt, wir kennen dieses Wunder der Verbindung des Getrennten nur zu gut, nämlich aus einer der tiefsten menschlichen Erfahrungen, nach der wir uns ein Leben lang sehnen und zurückerinnern, wir nennen diese wunderbare Erfahrung Liebe. Liebe, unendliche Nähe ist der Schlüssel zum ganzen christlichen Glauben, zur christlichen Erscheinungsform des Religiösen und zwar als Erfahrung, nicht als Behauptung. Davon könnte auch der Geheimrat Goethe noch profitieren. Liebe, Nähe zwischen Gott und Mensch, ist was wir Christen einbringen in das Konzert der Religionen, das viele Klänge kennt. Die Liebe, wenn sie lebt, überwindet das Getrennte, in immer wieder neuen Anläufen. Für die Dynamik, die dafür nötig ist, steht im christlichen Gottesbild der Heilige Geist. Viele Brautpaare bekommen - gerade jetzt im Juni - deshalb einen Satz aus dem 2. Timotheusbrief mit auf den gemeinsamen Liebes-Weg: Denn Gott hat uns nicht gegeben einen Geist der Furcht, sondern der Kraft und der Liebe und der Besonnenheit (2. Tim 1,7). Kraft, Liebe und Besonnenheit, daraus ist der Heilige Geist gemacht, der nichts anderes meint als Liebe.

Dass Gott uns Menschen in Jesus unendlich nahe kommt und dass auch unter uns durch seinen Geist die Schranken fallen können, das kann man durch nichts unglaubwürdiger machen als dadurch, dass man es einfach als Glaubenstatsache behauptet. Das kann man nur tastend erahnen wie das Kribbeln auf der Haut eines geliebten und liebenden Menschen, das muss man einüben, Tag und Nacht. Wollte Gott Vater, Sohn und Heiliger Geist, dass man es meinem Trinitatis-Gottesdienst abspürt.

Heiner Aldebert
(Regionalstelle Oberbayern)

Bild: "Dreifaltigkeitsikone" von Andrei Rubljow (etwa 1411)

Mai 2019

Hoffnung, das übelste aller Übel?

Ist das eine Frage für den Wonnemonat Mai, in dem alles so auf Zukunft ausgelegt ist – von der Natur bis zu den Herzen der Menschen?

Um sich dem Begriff Hoffnung zu nähern, hilft vielleicht ein Blick in die griechische Mythologie: Nach dieser ist Pandora die erste Frau, die es auf der Welt gab. Zeus, der höchste Gott im griechischen Pantheon, gab ihr eines Tages eine Büchse. Die sollte Pandora an die Menschen weitergeben, ihnen aber verbieten, sie zu öffnen. Doch – wie in jeder guten Geschichte – ist sie neugierig und öffnet sie selbst. Damit kommen alle Übel, die in dieser Büchse sind, auf die Welt und zu den Menschen. Sie schließt sie schnell wieder. So bleibt am Ende nur noch die Hoffnung in der Büchse der Pandora zurück – mitten unter all den Übeln war sie mit dabei. War sie die einzige gute Eigenschaft oder sollte Nietzsche Recht haben, wenn er sagt, die Hoffnung sei in Wahrheit das größte Übel aller in der Büchse befindlichen Flüche? Zeus wollte nämlich, dass der Mensch, auch wenn er noch so sehr durch die anderen Übel gequält wird, das Leben nicht wegwerfe, sondern fortfahre, sich immer von Neuem quälen zu lassen. Dazu gibt er dem Menschen die Hoffnung: Sie ist in Wahrheit das übelste der Übel, weil sie die Qual der Menschen verlängert.

Große Hoffnungen haben Geschichte geschrieben. Die großen Erzählungen der Menschheit sind Erklär-Geschichten und im Kern meist Hoffnungsgeschichten. Vielleicht hat ja Nietzsche doch Recht: Hoffnung hält am Leben, aber um welchen Preis?

Die großen Mythen von der Hoffnung auf ein Gutes nach dieser Zeit, egal ob die liberale Narration, die kommunistische, die christliche, alle gehen davon aus, dass am Ende alles gut werden wird, auch wenn bis dahin noch so manches tiefe Tal zu durchschreiten ist. Das gute Ende soll dafür entschädigen. Hat also doch Nietzsche Recht? Die Menschen werden in der Hoffnung auf die gute Zeit danach in die Katastrophe geschickt?

Wie schaut es überhaupt aus mit unseren Zukunftsperspektiven? Haben wir Hoffnung für uns, unsere Söhne und Enkel, unsere Töchter und Urenkelinnen, für unsere Schülerinnen und Schüler, für die nächste und übernächste Generation?

Hoffnungsvoll zu sein fällt in den letzten Jahrzehnten immer schwerer. Dies mag auch daran liegen, dass alle großen Geschichten, alle tragfähigen und in der Historie gewachsenen Narrationen, nicht mehr tragfähig erscheinen.

Politisch sind die letzten Jahrzehnte in Deutschland und Europa davon geprägt, das Erreichte zu erhalten. Erhalten wollen ist keine Perspektive, sondern hängt an der Vergangenheit.

Welche Geschichten und welche Bilder sind dann tragfähig?

Reichtum und Wohlstand für alle? Die Freiheit der Gedanken und Worte? Die Liebe Gottes zu allen Menschen? Hilfe und Beistand in Not? Sind das Zukunftsgeschichten? Sind das Hoffnungsgeschichten?

Ich bin selbst Suchender und weiß keine befriedigende Antwort. Vielleicht ist es am Wichtigsten zuzugeben, dass wir nicht weiterwissen, dass wir Menschen den Karren nicht so einfach wieder flottkriegen, den wir ganz schön in den Dreck gefahren haben. Und dass wir alle Suchende sind, Suchende nach einem Weg aus dieser verfahrenen Situation heraus.

Vielleicht ist es wichtiger, mit leeren Händen dazustehen wie die Jünger um Jesus im Johannesevangelium und zu fragen: Herr, wohin sollen wir gehen? Du hast Zukunftsworte, die Worte des ewigen Lebens, die vielleicht neue Perspektiven eröffnen können.

Ich hoffe, wir werden gemeinsam wieder fündig. Hoffnungsgeschichten sind gut für uns alle, die wir auf dieser Welt leben.

Hans Burkhardt
(Regionalstelle Unterfranken)

April 2019

Das Buch "Kraftquelle Gehen" von Klaus Bovers und Christine Paxmann¹ hat meine Aufmerksamkeit geweckt.

Toller Titel, dachte ich - aber Gehen eine Kraftquelle? Nun, die ersten Sonnenstrahlen ziehen mich raus in die Natur. Nach dem langen Winter ist jeder Schritt in der Sonne wohltuend. Je länger ich darin geblättert und gelesen habe, desto mehr hat es mich fasziniert. Gehen ist die älteste Sportart, Gehen war in früheren Zeiten das meist benutzte "Verkehrsmittel", um von einem Ort zum anderen zu gelangen. Heute gilt Gehen als Medizin, Heilkraft. Gehen wird z. B. verordnet, wenn der Blutdruck zu hoch ist oder Stress bewältigt werden soll. Gehen in der Natur ist nicht nur Sache der Beine, sondern auch des Kopfes. Wenn der Körper in Bewegung kommt, kommt auch der Geist in Bewegung. Wir sind dazu geboren, zu gehen. Die Welt, die wir mit unseren Füßen erkunden, ist vertraute Welt. Dies und noch viel mehr lese ich da.

"Kraftquelle Gehen" ist ein Buch mit praktischen Tipps. Das Wissen um die Kraftquelle des Gehens haben viele Pilger erlebt. An einem Satz von Sören Kierkegaard bin ich hängen geblieben:
"Ich habe meine besten Gedanken ergangen und kenne keinen Kummer, den man nicht weggehen kann." (S. 42)
Dazu fällt mir die Geschichte von den Emmausjüngern ein. Sie machen sich in ihrem Kummer um Jesu Tod auf den Weg. Im Miteinander Gehen und Reden ist der Kummer offensichtlich leichter zu ertragen. Als dann der fremde, einsame Wanderer zu ihnen stößt, werden sie durch seine Fragen zum Nachdenken angeregt. Sie sprechen von ihren Hoffnungen und Enttäuschungen. Und Jesus geht mit ihnen, Worte und Beine kommen in Gleichklang. Ungefähr zwei Stunden gehen sie, Jesus erzählt ihnen die alten Geschichten von Mose und den Propheten. Er geht mit ihnen und will mit diesen Geschichten dem unfassbaren Geschehen einen Sinn geben. Und es bewegt sich etwas. Am Ziel angekommen, bitten sie ihn zu bleiben. Beim Brotbrechen erkennen sie ihn. Sie fragen sich: "Brannte nicht unser Herz in uns, da er mit uns redete auf dem Weg und uns die Schrift öffnete?" (Lk 24,32) Sie spüren neue Kraft und gehen zurück, beschwingt und wie neugeboren. Oder mit Kierkegaard zu sagen: Sie haben sich die besten Gedanken durch Worte aus der Bibel ergangen, und ihren Kummer weggegangen.

In diesem Sinn wünsche ich in den kommenden Wochen und Feiertagen viele Gelegenheiten zu gehen, um gute Gedanken zu bewegen, oder sich auch den einen oder anderen Kummer wegzugehen.

Gerlinde Tröbs
(Referat FRED/Ganztagsschule am RPZ)

¹ Bovers, Klaus / Paxmann, Christine: Kraftquelle Gehen. Beim Gehen, Laufen, Wandern klüger, fitter und glücklicher werden. - München : BLV Buchverlag, 2018. - ISBN 978-3-8354-1775-5

März 2019

"Mitten wir im Leben sind mit dem Tod umfangen" (Martin Luther, EG 518)

Damals am See Genezareth konnte es geschehen, dass plötzlich ein Sturm aufkam. Von einer solchen Begebenheit erzählt eine biblische Geschichte (Mk 4,35-41).
Ein gewaltiger Sturm kommt auf und das Boot, in dem Jesus mit seinen Jünger*innen unterwegs ist, wird schon von den Wellen bedeckt.
Wenn erst einmal das Wasser über Bord kommt, dann ist das mögliche Ende, der Untergang vor Augen. Dann kommt Angst auf. Todesangst. Angst zu ertrinken.
Aber Jesus schläft mitten im Sturm.
Sie wecken ihn auf und sagen:
Herr, hilf, wir kommen um!
Da stand Jesus auf, bedrohte den Wind und das Meer. Und da wurde es ganz still.
Sein Wort bringt Wind und Meer zur Ruhe.

"Glauben" heißt nun nicht, das Erzählte für wahr halten zu müssen in einem historischen Sinne. Denn das wäre eigentlich gar kein Glaube, sondern lediglich eine historische Meinung.

Worum geht es dann?
Es geht nicht um damals, es geht um heute.
Es geht um meine Angst - in der Tiefe um meine Todesangst. Es geht um die Stürme, die mich ins Wanken bringen. Und es stellt sich die Frage nach meinem Glauben ("Warum seid ihr so furchtsam? Habt ihr noch keinen Glauben"? Mk 4,40).

Die Geschichte von der Sturmstillung ist für mich weit mehr ein Bild als ein damals geschehenes, "historisches" Ereignis.
Die existenzielle Frage lautet: Wie kann ich überhaupt leben angesichts der Tatsache, dass jederzeit eine Welle oder gar ein Tsunami über das Lebensschiff schwappen könnte, so dass es untergeht?

Was ist, wenn ein Sturm kommt und die Wellen über das Boot hinweg gehen?
Was ist, wenn alles was ich bin und habe hinweggefegt ist und das Wasser bis zum Hals steht?

Es wird erzählt, dass Martin Luther als junger Mann einmal in ein Gewitter hineingekommen war. Unmittelbar an seiner Seite wurde der Freund von einem Blitz erschlagen.
Für ihn begann damit das Suchen und Fragen nach Gott.
Später hat Luther gesagt: Wenn es dich trifft, dann sollst du von Gott zu Gott fliehen. Von dem in der Naturerfahrung verborgenen Gott zu dem in Jesus Christus offenbaren Gott.
Denn dort, in dem gekreuzigten Christus, findest du Gott, seine Liebe und das ewige Leben.

Insofern taten die Jünger auf dem Schiff am See Genezareth genau das Richtige, indem sie Jesus weckten und sagten: "Herr, hilf, wir gehen unter!"

Indem sie ihn auf-wecken, wird er auferweckt in ihren Glauben hinein.
Schauen wir dieses Bild an! Da schläft Jesus mitten im Sturm. Was ihn umgibt, sind nicht die anstürmenden Wogen, sondern einzig die Hände Gottes. Das Bild des Schlafes ist ein Bild der Geborgenheit in Gott.

Von Jesus geht ein Vertrauen aus, in dem er uns den unsichtbaren Händen Gottes zurückgibt,
die uns schufen, die uns geformt haben, die uns tragen, so lange wir sind, die uns aufnehmen am jenseitigen Ufer.

Es gibt eine Angst, die geht tiefer als die psychologische Angst. Bei der geht es nicht nur um die Abgründe der Seele, sondern um den Abgrund des Lebens: das drohende Nichts, die Todesverfallenheit.
Darum gilt es, uns noch tiefer zu verankern, dort, wo noch unterhalb der aufgewühlten See uns ein fester Boden Halt gibt.
Diesen festen Boden nennt Jesus "Glauben".
Als ein Sich-Verankern in Gott.

Mit seinem Wort bringt Jesus den Sturm und die Wellen zur Ruhe. Und die Menschen fragen sich:
"Was ist das für ein Mann, dass ihm Wind und Meer gehorsam sind?"

Dass Wind und Meer ihm gehorsam sind bedeutet: Die Mächte und Gewalten, die uns bedrohen und die uns ängstigen, haben nicht das letzte Wort.
Die wunderbare Geschichte von der Stillung des Sturmes ist – mitten in der Passionszeit – bereits eine Ostergeschichte, so dass es eigentlich heißen müsste: Mitten wir im Tode sind, von dem Leben umfangen.

Helmut Goßler
(Regionalstelle Schwaben)

Bild: "Christus im Sturm auf dem See Genezareth", Rembrandt, 1633

Februar 2019

Der Apfel ist in Verruf geraten! Schade, denn wenn ich einen Apfel sehe, denke ich an den gedeckten Apfelkuchen meiner Mutter, oder einen feinen italienischen Apfelkuchen mit einem Guss aus Sahne und Mandeln – oder an blühende Apfelbäume.
Theologisch hat allerdings dieses Obst einen schlechten Ruf – zu Unrecht!
Natürlich – es geht um den berühmten Apfel, von dem Eva im Garten Eden gegessen haben soll und um die verhängnisvollen Folgen.
Aber da haben wir schon den ersten Fehler: Nirgends in dem Text ist von einem Apfel die Rede. Es wird nur eine Frucht genannt, nicht näher bestimmt – irgendeine Frucht! Eigentlich ist der Apfel jetzt schon rehabilitiert – aber ich finde, dass die Geschichte von Adam und Eva noch eine genauere Betrachtung verdient.
Was haben die beiden denn eigentlich so Schlimmes verbrochen, dass sie als Urgrund der Sünde in die Schulbücher eingegangen sind?
Also Gott erschafft die beiden – Adam (der Mensch) aus Erde und Eva (eigentlich: die Menschin) aus seiner Rippe. Und dann setzte er die beiden in einen Garten, in dem sie glücklich und sorglos mit allen Tieren zusammen leben konnten. Sie sollten nur nicht vom Baum des ewigen Lebens und von dem Baum der Erkenntnis essen.
So weit, so gut!
Jetzt kommt das klügste Tier ins Spiel – die Schlange. Und, wie sich herausstellt, ist sie wirklich klug: "Warum sollt ihr von dem Baum nicht essen?" fragt sie – "Weil wir dann sterben!", erwidert Eva. Als ob der Baum giftige Früchte tragen würde. Die Schlange weiß es besser: "Nein, ihr werdet keineswegs sterben, sondern klug werden." Erstaunlicherweise hat die Schlange recht. Die beiden essen von dem Baum und sterben keineswegs. Offensichtlich war die Drohung Gottes nicht ganz richtig, so wie man, zumindest früher, Kindern Angst gemacht hat, dass irgend etwas Fürchterliches eintreten würde, wenn sie nicht gehorchen (Der Nachtgieger kommt – zumindest in Franken - etc.). Kommen wir zur Folge der Apfeldiät. Sie erkennen, was gut und böse ist! Da Adam und Eva dies vorher noch nicht unterscheiden konnten, kann man ihnen auch nicht zur Last legen, dass sie von der Frucht gegessen haben. Wie sollten sie es wissen? Wieder drängt sich der Vergleich von kleinen Kindern auf, die die Folgen ihres Tuns nicht abschätzen und auch nicht zur Verantwortung gezogen werden können. Hervorragend passt die nächste Folge des Essens von der Frucht in das Bild: Sie schämen sich, dass sie nackt sind. Auch hier drängt sich das Bild von kleinen Kindern auf, die völlig selbstverständlich zusammen nackt in der Badewanne spielen.
Die Zeit der unbedarften Kindheit ist vorbei. Und sogleich wird dies durch die Beurteilung von Gott unterstrichen. Als ob Gott erschrecken würde über das, was seine beiden Kleinen angestellt haben, fragt er, ob sie etwa von dem Baum gegessen haben, der doch so gefährlich ist. Jetzt haben wir den Salat: Vorbei mit der Kindheit! Der Ernst des Lebens wird beginnen. Man muss für sein Überleben hart arbeiten, wilde Tiere und Schlangen bedrohen das Leben, und der Fortbestand der Menschheit kann nur durch risikoreiche und schmerzhafte Geburten von Kindern gelingen.
Aber Gott ist ein überaus fürsorgliches Wesen, das sich um seine Kinder sorgt. Er macht ihnen Kleider aus Fellen, nicht genug damit – er zieht sie ihnen sogar an. Welch schönes, fürsorgliches Bild für Gott, der seine beiden nun in die Ferne entlassen muss. Aber warum müssen die beiden denn überhaupt gehen? Auch das erklärt der Text: Sie sind jetzt fast wie "welche von uns" und wissen, was gut und böse ist. Aber sie sollen Menschen bleiben und nicht zu Göttern werden. Deshalb müssen sie hinaus aus dem Garten, weil ja dort noch der zweite Baum steht – der Baum des Lebens – und wenn sie von dem auch noch essen, werden sie unsterblich. Das darf nun wirklich nicht geschehen – deshalb steht der Cherubim mit dem flammenden Schwert als Wächter davor. Aber von einer Strafe ist nicht die Rede!
Ich sehe Gott direkt vor mir, wie er wehmütig den beiden nachschaut, wie eine Mutter, deren Kind das erste Mal alleine in den Kindergarten geht – oder das auszieht, in eine andere Stadt, um zu studieren.

Was für ein realistisches Bild von uns Menschen und unserem Leben wird hier gezeichnet. Was für ein faszinierendes Bild eines sorgenden Gottes zeigt die Geschichte.
Ach ja, wo bleibt der Sündenfall?
Tatsächlich wird von Sünde erst im nächsten Kapitel der Bibel gesprochen. Auch diese Geschichte ist bekannt: Kain und Abel! Als Kain voll Neid auf Abel und aus Scham darüber, dass sein Opfer nicht angenommen wird, zornig "ergrimmt", spricht Gott ermahnende Worte zu ihm: Die Sünde lauert vor der Tür, du sollst aber über die Sünde herrschen – und dich beherrschen. Der weise Ratschlag findet kein Gehör, und der Zorn Abels führt zum Brudermord. Aber trotzdem wird Gott wieder als sorgende Gestalt beschrieben. Kain muss in die Fremde, er hat die Konsequenzen seines Tuns zu tragen, aber Gott schützt ihn, den Brudermörder, mit einem Zeichen.

Ich erinnere an diese beiden Geschichten, weil sie jeder kennt und trotzdem oft so missgedeutet werden.
Sie beschreiben sehr treffend die Existenz von uns Menschen: Wir "haben vom Baum der Erkenntnis gegessen" – bedeutet, wir können unterscheiden zwischen Gut und Böse. Zumindest meistens. Wir sind erwachsen! (Auch wenn nicht selten der Eindruck entsteht, dass viele in der Pubertät stecken geblieben sind) Wir sind nicht im Zustand des nichtwissenden Kindes, das die Folgen seines Tuns nicht abschätzen kann. Und Gott traut uns durchaus zu, dass wir über die Sünde, die vor der Tür lauert, herrschen können. Buße verstehe ich so, dass wir uns Zeit und Raum nehmen zu bedenken, wo für uns die Sünde vor der Tür lauert. Z. B. Wo geht es mir wie Kain – fühle ich mich ungerecht behandelt (von Gott – oder vom Leben) oder wo nagt der Neid an mir?
Und über – oder hinter all dem Nachdenken steht ein wohlwollender Gott, der uns lehren will mit den Herausforderungen des Lebens so umzugehen, dass wir der Sünde nicht erliegen. Voll Verständnis für uns und unsere Schwächen, aber voll Leidenschaft und bestimmt auch oft mit einem Haareraufen und verzweifelten Kopfschütteln – aber trotzdem liebevoll.

Ulrich Jung
(Referat Förderschulen am RPZ)

Januar 2019

Jahreslosung 2019: Suche Frieden und jage ihm nach! (Psalm 34,15)

Die Friedensfrage

Das Wort Frieden
ist ein Hauptwort.
Das hatten wir schon
in der Schule.

Aber wie heißt nun,
zum Hauptwort Frieden,
das Tätigkeitswort?
WO LERNEN WIR DAS?

Was wäre, wenn ...
... wir einmal die äußerliche Fassade ablegten,
... wenn die tausend Masken, hinter denen wir uns verstecken, wir einmal fallen ließen,
... wenn wir die Rüstung, die uns unangreifbar machen soll, einmal beiseite legten?

Was wäre, wenn wir den Mut hätten, uns doch mal berührbar und verletzlich zu zeigen, wenn unsere Ungeschütztheit ihren Schrecken verlöre, und wir uns begegneten – so wie wir wirklich sind? Vielleicht wäre nicht gleich Friede möglich, aber es gäbe eine heilsame Nähe.
Nähe – nicht nur zu den anderen, sondern auch zu uns selbst. Womöglich würden Grenzen überwunden, die unverrückbar schienen, wären neue Begegnungen möglich – untereinander und auch mit uns selbst. Von Martin Buber, dem berühmten jüdischen Philosophen (1878-1965), ist ein Gedanke überliefert, der die Unverzichtbarkeit wahrer Begegnung verdeutlicht, gerade auch für die eigene Selbstwerdung:
»Ich werde am Du; Ich werdend spreche ich Du. Alles wirkliche Leben ist Begegnung.«

Ein neueres Kirchenlied stellt die Friedensfrage in einen ganz weiten, transzendenten Horizont:
Wo Menschen sich verbünden,
den Hass überwinden
und neu beginnen, ganz neu:
da berühren sich Himmel und Erde,
dass Frieden werde unter uns.

Hören Sie doch einmal selbst in eine der Interpretationen dieses Liedes hinein: www.youtube.com

Ein gesegnetes friedvolles Jahr 2019 wünsche ich uns allen!

Vera Utzschneider
(Referat Gymnasium am RPZ)

Text- und Bildnachweise:
- »Die Friedensfrage« Text: Horst Glossner
- Martin Buber-Zitat: Aus Martin Buber, Ich und Du (1923). In: Das Dialogische Prinzip.Verlag Lambert Schneider, 4. Aufl. Heidelberg 1979, zit. nach: www.celtoslavica.de/sophia/Buber.html, abgelesen am 17.12.2018.
- Kirchenlied: »Wo Menschen…» Text: Thomas Laubach, zit. aus »Alive. Das ökumenische Jugendliederbuch für Schule und Gemeinde«, Claudius-Verlag München 2008, Lied Nr. 141 Strophe 3.
- Bild: Skulptur "Junge Frau mit Spiegel", Stephan Guber, 2018, Foto: Udo Fertig

Dezember 2018

Das Smartphone piept – Terminerinnerung. Ein Blick auf den Kalender – die nächsten Wochen sind durchgetaktet. Überhaupt verlangen diese Tage wieder einmal Organisationstalent, um alles unterzubekommen. Schließlich wollen neben den zahlreichen dienstlichen Terminen auch private Verabredungen und Verpflichtungen untergebracht werden. Diverse Weihnachtsfeiern stehen auf dem Programm, der Besuch auf ein paar Weihnachtsmärkten, Geschenke wollen gekauft werden, das Weihnachtsessen organisiert werden und den Skiurlaub muss ich auch endlich fix buchen. Geht schon alles – hat in den vergangenen Jahren auch immer geklappt. Aber wie…

Mir kommt eine Geschichte in den Sinn, die ich kürzlich erst irgendwo gelesen habe:

Ein Professor an einer Verwaltungshochschule wurde gebeten, einen Vortrag für Firmenchefs einiger großer Unternehmen zu halten. Sie wollten eine Vorlesung über sinnvolle Zeitnutzung von ihm hören und gaben ihm in ihrem Tagungsprogramm dafür eine Stunde Zeit.

Am Tag des Vortrags stand der Professor an seinem Rednerpult und betrachtete die gespannte Gruppe. Jeden Einzelnen. In aller Ruhe. Dann sagte er: "Wir werden ein Experiment machen." Er zog ein Goldfischglas unter seinem Pult hervor, dann holte er einige tischtennisballgroße Kieselsteine. Behutsam legte er sie in das Glas. Einen nach dem anderen. Bis das Aquarium randvoll war. Dann fragte er sein Publikum: "Ist das Glas voll?" – "Ja", lautete die Antwort aus der Gruppe.

Der Professor griff noch einmal unter sein Pult und holte einen Beutel mit feinem Schotter. Er verteilte die kleinen Steinchen zwischen die großen Steine, bewegte diese etwas, bis die kleinen Schottersteine zwischen den großen Kieselsteinen verteilt hatten. Wieder fragte er sein Publikum: "Ist das Glas voll?" – "Wahrscheinlich nicht", antwortete einer aus der Gruppe.

Wieder zog der Professor etwas unter seinem Pult hervor. Diesmal ein Säckchen voll Sand. Er füllte den Sand in das Glas und dieser verteilte sich darin, bis in die kleinsten Hohlräume. Schließlich griff der Professor nach einer Wasserkanne auf seinem Pult und goss auch das Wasser in das gläserne Gefäß, bis es randvoll war. Der Professor blickte ins Publikum: "Sie wollten, dass wir uns über den sinnvollen Umgang mit Zeit beschäftigen. Was können wir nun von diesem Experiment lernen?" – Es dauerte einen Augenblick, bis sich einer der Firmenchefs meldete und sagte: "Egal, wie voll unser Terminkalender ist, wir können immer noch den einen oder anderen Termin einschieben."

"Nein", antwortete der Professor. "Wir können aus diesem Experiment etwas anderes lernen: Wenn wir nicht zuerst die großen Kieselsteine in das Glas legen, werden sie später niemals alle hineinpassen. Macht euch zuerst Gedanken um die großen Kieselsteine in eurem Leben – vielleicht Familie, Freunde, vertraute Gespräche, Erholung, Träume... Wenn ihr zuerst auf die Kleinigkeiten achtet, den Schotter, den Sand, dann verbringt ihr euer Leben auch mit diesen Kleinigkeiten und habt nicht mehr genug Zeit für die wichtigen Dinge. Was sind die großen Kieselsteine in eurem Leben? Legt diese zuerst in den Krug."*

Sinnvoll genutzte Zeit beginnt nicht damit, den Terminkalender zu füllen. Sondern damit, das eigene Leben und den eigenen Lebensstil zu hinterfragen. Wir haben gerade den November hinter uns gebracht – den Ewigkeitssonntag begangen. Wir werden uns bewusst, dass unsere Zeit nicht unendlich ist. In diesem Bewusstsein und mit dem Blick auf das Leben und Hoffnung schenkende Weihnachtsfest können vielleicht auch die großen Kieselsteine des Lebens neu in den Vordergrund treten.

Patrick Grasser

(Referat Inklusion am RPZ)

*Erzählt nach einer unbekannten Quelle

November 2018

Wenn der Himmel die dunklen Wolken vertreibt

Manchmal kann einem dieses diesige und graue Herbstwetter ganz schön auf die Nerven gehen: Morgens bleibt es ewig lange noch duster und das nasskalte Wetter tagsüber lässt die Erinnerung an die vergangenen sonnendurchfluteten Tage und Abende nur noch umso schmerzhafter erscheinen:

Wieder neigt sich ein Jahr dem Ende entgegen, wieder bin ich älter geworden, wieder sind ungenutzte Chancen unwiederbringlich vorbeigegangen... Manchmal scheint es, dass die trübe Jahreszeit auch die Sichtweise auf die dunklen Wolken unseres Lebenshimmels verstärkt. Eine unbestimmte Dunkelheit schlägt sich auf unsere Stimmungslage nieder. Man schätzt, dass bereits sogar bis zu 10% Prozent von Grundschülern davon betroffen sein können. Jeder von uns kennt solche Lebensphasen. Manchmal verstecken sich solche Gefühlslagen auch geschickt unter ganz anderen Symptomen. Ich denke an einen Schüler, dessen Aufsässigkeit und Unterrichtsstörungen mich regelmäßig zur Weißglut getrieben haben. Dass sich dahinter eine Depression und ein belastendes Familienleben mit einem alkoholkranken Vater verborgen hat, das wurde mir erst viel später bewusst.

Es kann eine Veranlagung, ein bestimmter Anlass oder die Verkettung unglücklicher Umstände sein, die eine Depression auslösen. Wenn dann Angehörige oder ein ganzes Lehrerkollegium darunter leiden, kann ein qualifiziertes Gespräch, ein entlastendes Netzwerk, hilfreich sein. Der Schulpsychologe und die Kontaktaufnahme mit den Eltern haben im geschilderten Fall sehr geholfen. Ja und manchmal gibt es auch diese Fügungen des Schicksals, die sogar die Wirkung von Antidepressiva und aufwendigen Therapiesitzungen noch toppen können:

Es läutet und der erwähnte aufsässige Schüler steht vor meiner Haustür. Er bittet mich, ihn und seine zukünftige Frau zu trauen. Ich war ganz erstaunt, wie freundlich, aufgeschlossen und sensibel dieser junge Mann zwischenzeitlich geworden ist. "Da muss im Himmel jemand an mich gedacht haben, dass ich dieser Frau begegnet bin" sagt er mir. Und dann erzählt er über die Verspätung der S-Bahn, dem überfüllten Zug und dem Blick zu dieser Frau, die ihn damals wie ein Blitz getroffen hat. "Mit ihr kann ich über alles reden, wir hatten von Anfang an das Gefühl, dass wir füreinander geschaffen sind." Und ich denke mir: Vielleicht hat er trotz aller Störungen im Religionsunterricht doch mitbekommen, wie wichtig und heilsam es ist zu wissen, dass es jemanden gibt, der bedingungslos zu mir hält, egal ob im Himmel oder auf der Erde und auch: Dass es im Leben doch noch einen guten Ausgang nehmen kann. Auch wenn ich mir das gar nicht mehr vorstellen kann.

Tiefdruckgebiete des Lebens können sich tatsächlich manchmal ganz ohne Medikamente und Therapiesitzungen wieder auflösen. Es scheint, dass es da eine Art innere Heilung gibt, die uns ganz unbewusst zu Ärzten macht. Und wenn es mich einmal selber trifft, dann möchte auch ich damit rechnen: Der Himmel wird mir im rechten Moment ein Geschenk schicken und meine dunklen Wolken vertreiben.

Und ich sah die heilige Stadt, das neue Jerusalem, von Gott aus dem Himmel herabkommen, bereitet wie eine geschmückte Braut für ihren Mann. Offb. 21,2 (Monatsspruch November 2018)

Thomas Krüger
(Regionalstelle Niederbayern/Oberpfalz)

Foto: Ulrich Jung

Oktober 2018

Herr, all mein Sehnen liegt offen vor dir, mein Seufzen war dir nicht verborgen.
Ps 38,10 (E)

Wir saßen im Kollegium zusammen, haben uns Bibeltexte erschlossen, theologische Einsichten ausgetauscht und über gelingendes Leben und glückende Gemeinschaft diskutiert. Wir waren angeregt und gut gelaunt. Da legte ein Kollege Widerspruch ein: Wir sollten nicht vergessen, dass das Reden über gelingendes Leben auch seine Grenzen habe. Es gebe Menschen, die schwer traumatisiert seien, Menschen mit Depressionen, Menschen, denen das Leben übel mitgespielt habe.

Und nun lese ich Psalm 38, dem der Monatsspruch für den Oktober entnommen ist. Was für ein Klagelied! Was für ein Leben! "Meine Wunden stinken und eitern. ... Ich gehe krumm und sehr gebückt; den ganzen Tag gehe ich traurig einher. Ich bin matt geworden und ganz erschlagen; ich schreie vor Unruhe meines Herzen." (38,6.7.9) Kann ich dazu "Inspirationen" schreiben?

Ich halte inne und lasse die Worte auf mich wirken. Na ja, ich kenne Tage, sogar Wochen, an denen ich krumm ging und ganz erschlagen war. Aber was ist das angesichts des Leids des Menschen aus Psalm 38. Ich werde dankbar und demütig. Mir wird klar, dass ich nicht immer von mir auf andere schließen kann. Viel zu oft bringe ich meine eigenen Erfahrungen und Erkenntnisse ins Spiel. Und ich vergesse, dass das Leben anderer und ihre Erfahrungen fern meiner Vorstellungen sein können. "Wir sollten nicht vergessen, dass das Reden über gelingendes Leben auch seine Grenzen hat." Danke, lieber Kollege, dass du mich daran erinnert hast.

Gerda Gertz
(Referat Mittelschule am RPZ)

Quellenangaben:
Monatsspruch: E = Einheitsübersetzung
Bibelverse im Text: Lutherbibel, revidiert 2017, © 2016 Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart
Foto: Oleg Astakhov

September 2018

Hätte, hätte, Fahrradkette

Im Norden Nürnbergs, auf der Landkarte etwas zwischen Flughafen und Autobahn eingezwängt, liegt der Stadtteil Buchenbühl.

Wenn man dort vom Sportplatz aus den Sebalder Reichswald betritt, kann es einen nach ein paar hundert Metern ganz schön gruseln: Rundum sind die Bäume mit weißen Kreuzen bemalt. Grob mit zwei dicken Malerbürstenstrichen geschmiert, bleich und kalt. Ein bisschen wie die Vögel im gleichnamigen Horrorfilm sind sie – allgegenwärtig und stumm, fast abwartend.

Wenn man weiß, wofür die Kreuze stehen, wird es erst mal nicht viel besser. Die Bäume werden durch die Kreuze zu Mahnmalen für ihre eigene Zukunft – bzw. Nichtzukunft: Eine Bürgerinitiative hat sie markiert, um gegen die bevorstehende Fällung zu protestieren, um augenfällig zu machen, welch ein Verlust droht. Sie leben nämlich von geborgter Zeit, seit vor mittlerweile über zehn Jahren der Bau eines Autobahnzubringers zur Autobahn genehmigt wurde, der eine Schneise mitten durch das Naherholungsgebiet ziehen würde.

Warum stehen die Bäume überhaupt noch? Das liegt vor allem an den Menschen, die sich vehement für den Erhalt der Natur einsetzen und dafür sorgen, dass hier nicht klammheimlich Tatsachen geschaffen werden:

Das Nürnberger Friedensforum organisiert seit vielen Jahren regelmäßige Schöpfungsgebete am Predigtstein unter einer uralten Eiche, die auch weichen müsste. 

Eine ausgesprochen rege Bürgerinitiative hält das Thema neben der politischen Gremienarbeit immer wieder mit witzigen Aktionen wach, so wurde etwa zum fünften Jahrestag des Nichtbaus der Spaten des ersten Stichs unter zeremoniell-fröhlichen Dixieklängen begraben.   

Einzelne Bürger werden nicht müde, immer wieder auch über die sozialen Medien die Verantwortungsträger in die Pflicht zu nehmen.*

Aber ohne diesen Einsatz geringschätzen zu wollen: Im Grunde sind das nur Nadelstiche, die Gnadenfrist für fast 40 Hektar Wald verdankt sich einer Ironie der Geschichte: Derzeit stockt der Straßenbau vor allem, weil ein Teil des zu bebauenden Bodens in Flughafennähe von jahrelangen Löschübungen der Flughafenfeuerwehr gründlich mit chemischen Rückständen verseucht ist, die derzeit nicht im großen Stil rentabel abbaubar sind.

In anderen Worten: Die Umweltverschmutzung, die vor Jahrzehnten in den besten Absichten begangen wurde, verhindert heute eine viel größere Sauerei.

Man fühlt sich an Bertolt Brechts »Ballade von der Unzulänglichkeit menschlichen Strebens erinnert: »Ja mach nur einen Plan / sei nur ein großes Licht! / Und mach dann noch´nen zweiten Plan / gehn tun sie beide nicht.« Oder an das immer so eigentümlich gleichzeitig resignierte und einsichtsvolle Buch Kohelet: »[W]er weiß denn, was für den Menschen gut ist in seinem kurzen und vergeblichen Leben […]?« (6,12)
Man kann sich aber auch an das mit etwas optimistischerem Gottvertrauen ausgestattete Buch der Sprüche wenden: »Der Mensch denkt über vieles nach und macht seine Pläne, das letzte Wort aber hat der HERR.« (16,1)

Unter diesen Vorzeichen erwächst, wie so oft, aus der Ironie ein tröstlicher Gedanke: Die Fehler der Vergangenheit können die Zukunft retten, wenn wir in der Gegenwart wachsam bleiben. Aber ob aus ›können‹ irgendwann ›sein‹ wird, das entscheiden dann doch nicht nur wir. Wer in diesem Wissen in den Wald geht und hinter den bleichen Kreuzen das satte Grün sieht und genießt, hat für's erste schon einmal sehr viel richtig gemacht.

Johannes Rüster
(Redaktionsleiter GPM)

*) Die medienethische Verantwortung zwingt den Verfasser, anzugeben, dass er als unmittelbarer Anwohner an diesen Aktionen nicht immer ganz unbeteiligt ist.

August 2018

Sommerzeit, freie Zeit, Urlaubszeit

Mit dem Beginn der Sommerferien gehen viele in Urlaub und genießen freie Tage. Die Sehnsucht nach freier, unverplanter Zeit, nach Ruhe oder Action bricht sich Bahn. Ob zuhause oder in fernen Ländern kann dies auch eine Reise zu sich und zu den Mitmenschen sein. Mit dem Reisesegen von Andy Lang wünsche ich eine gesegnete Sommerzeit!

Ihre Gerlinde Tröbs

Reisesegen

Möge Ruhe Einzug halten in deine Gedanken
und ein leichter Wind
 über den Hügel deinen Geist mit Morgenfrische füllen!

So erwachst du zu neuem Leben, das wie Tau über Gräser perlt!

Möge die Stille grüner Landschaft deine Seele beflügeln
und möge sie aufbrechen zu Pfaden 
der Freiheit!

So kann deine Sehnsucht Sprache finden!

Mögen die Menschen sich in deiner Nähe geborgen fühlen 
so wie du dich in ihrer!

Ihr werdet den Raum der Liebe betreten,
 in dem alles Geben auch Empfangen ist!

So trägst du ein Geschenk des Himmels in dir!

Mögest du wiederkehren mit dem Glanz der Zärtlichkeit in deinen Augen,
einem Lächeln auf deinen Lippen und dem Lied der Schönheit und Heiligkeit in deinem Herzen!

So hast einen Blick in die Tiefe des Lebens gewagt!

Mögest du beschützt und geborgen sein auf deinem Weg in die Weite,
gehalten im Sturm,
 umfangen im Sonnenschein, berührt vom Segen,
der über deinem Leben liegt!


So wirst du selbst ein Segen sein!

Andy Lang

Juli 2018

Über die Möglichkeit, das Unsagbare zu sagen

"Und Kroos zirkelt den Ball ins Dreieck - Deutschland kann aufatmen." (Deutschland – Schweden, 95. Minute) Alles klar? Werden sich in zweitausend Jahren Wissenschaftler den Kopf darüber zerbrechen, wieso ein Ball mit einem Zirkel und einem Dreieck für gute Luft im Jahr 2018 in Deutschland sorgen konnte?

Es ist schon unterhaltsam, wie sinn-frei die Sprache wird, wenn man die Metaphorik wörtlich nimmt. Vor vier Jahren produzierte der WDR (Die Sendung mit der Maus) einen kurzen Beitrag, in dem solche Metaphern bei einem Fußballspiel wörtlich dargestellt wurden. Ein unterhaltsames Filmchen, das ich auch damals im Unterricht einsetzte, um den Schülerinnen und Schülern deutlich zu machen, wie selbstverständlich wir Metaphern verwenden und zu welchen Missverständnissen es führt, wenn wir nicht in der Lage sind, sie richtig zu deuten.

Diese Schwierigkeit begegnet uns permanent, wenn wir im Religionsunterricht über Dinge reden, die man nur in Vergleichen, Bildern, Metaphern und Symbolen zum Ausdruck bringen kann. Und genau um diese Themen dreht sich sehr viel im Religionsunterricht. Nehmen wir nur das Beispiel von Jesus als "Sohn Gottes". Wer war der Vater und vor allem, wer war die Mutter? Ohne das Bewusstsein, dass viele zentrale Begriffe und Inhalte des RU gedeutet werden müssen und angemessener Interpretationen bedürfen, sind Missverständnissen Tür und Tor geöffnet.
Nicht selten sind solche Missverständnisse und Fehldeutungen die Ursachen für kritisches und ablehnendes Verhalten im Unterricht. Wohl am häufigsten beim Thema "Schöpfung", wenn immer noch gedacht wird, dass die biblischen Berichte ein Widerspruch zu einem naturwissenschaftlichen Weltverständnis wären. Allerdings zeigt gerade dieses Beispiel auch, dass religiöse Gruppen und Kirchen nicht unschuldig daran sind. Der kindlich-naive Reflexionsstand kreationistischer Gruppen, die tatsächlich behaupten, die Welt sei in sieben Tagen entstanden, befeuert solche Missverständnisse medienwirksam.

Aber ich möchte zu dem eingangs erwähnten unterhaltsamen Film aus der Sendung mit der Maus zurückkommen. Es ist eine wichtige Aufgabe im Religionsunterricht ein Bewusstsein bei den Schülerinnen und Schülern zu schaffen, dass bildhafte Sprache die einzige Möglichkeit ist von Gott, dem Leben nach dem Tod etc. zu sprechen. Was größer ist als all unsere Vorstellungskraft, lässt sich eben nur in Vergleichen, Bildern und Symbolen zur Sprache bringen. Die Unterscheidung zwischen dem Bild und dem tatsächlich Gemeinten ist dabei zentral, damit es nicht zu solchen Missverständnissen kommt. Paul Tillich formuliert sehr treffend: Ein Glaube, der seine Symbole wörtlich versteht, wird zum Götzenglauben. Er nennt etwas unbedingt (A.d.V. das Bild, den Vergleich, das Bild), was weniger ist als unbedingt. Der Glaube aber, der um den symbolischen Charakter seiner Symbole weiß, gibt Gott die Ehre, die ihm gebührt.

Es ist eine Herausforderung, den üblichen kirchlichen und religionspädagogischen Sprachgebrauch genau daraufhin zu untersuchen, wo bildhafte Sprache benutzt wird und diese Bilder in die Lebenswirklichkeit der Jugendlichen zu übersetzen. Was bedeutet es real, erfahrbar und greifbar, wenn z. B. gesagt wird, dass Gott einen Menschen auf seinem Lebensweg begleitet? Neben der Schwierigkeit solche Deutungen für uns als Unterrichtende zu finden, steht die Aufgabe, die sich durch den gesamten Unterricht ziehen muss, ein Bewusstsein für symbolische und bildhafte Sprache bei den Schülerinnen und Schülern zu wecken und eine entsprechende Sprachfähigkeit einzuüben. Hubertus Halbfas hat in seinem Unterrichtswerk dies mustergültig geplant, so dass der Umgang mit religiöser Sprache aufeinander aufbauend durch alle Schuljahre angebahnt wird.
Mit dem kleinen Film kann man in den nächsten Wochen schon einmal damit anfangen: Wörtlich verstanden klappt nicht immer.

Ulrich Jung

(Referat Förderschulen am RPZ)

Juni 2018

Laufen zum Schalom

Bewegung und Friede – was haben sie miteinander zu tun?
Innere Ruhe finden – manchmal alles andere als einfach. Seelische Belastungen, die auf uns ruhen, lassen sich – selbst an ruhigen warmen Sommertagen – nicht so ohne Weiteres ausräumen. Dazu die äußere Unruhe und der Unfriede, geschürt durch unberechenbare Politiker und den bedrohlichen gewaltsamen Terror, der für sich selbst keine Regeln friedvollen Zusammenlebens gelten lässt und sich auch Ruheorte wie Cafes in Fußgängerzonen oder attraktive Ferienziele für seine Wut und seine tödlichen Attacken aussucht.

Sowohl aus der Bibel als auch aus der modernen Gesundheitsmedizin wissen wir, dass es für inneren Frieden und seelische Beruhigung hilfreich ist, sich zu bewegen und in Bewegung zu bleiben. Und im Alten Testament lesen wir, dass kein Friede, kein schalom, ohne Recht und Gerechtigkeit möglich ist und dass die Menschen Gottes Weisung und Inspiration brauchen, um in Frieden und Gerechtigkeit miteinander leben zu können. In dem großen Geschichtsentwurf des Prophetenbuchs des Micha erfahren wir, welche große Rolle Bewegung dabei spielt:

In zukünftigen Tagen wird der Berg, darauf des Herrn Haus steht, fest stehen, höher als alle Berge und über die Hügel erhaben. Und die Völker werden herzulaufen und viele Heiden werden hingehen und sagen: Kommt, lasst uns hinaufgehen zum Berg des Herrn und zum Haus des Gottes Jakobs, dass er uns lehre seine Wege und wir in seinen Pfaden wandeln. Denn von Zion wird Weisung ausgehen und des Herrn Wort von Jerusalem. (Mi 4,1f.)

In diesem Text wird viermal von Bewegung gesprochen, im wörtlichen wie im metaphorischen Sinn: herlaufen, hingehen, hinaufgehen und wandeln. Man muss sich in Bewegung setzen, um die Weisung Gottes zu hören, damit Schwerter zu Pflugscharen (vgl. Mi 4,3) und die Spieße zu Winzermessern werden. Dann wird ein Leben in Frieden und Gerechtigkeit möglich sein: Ein jeder wird unter seinem Weinstock und seinem Feigenbaum wohnen, ohne dass ihn einer aufschreckt. (Mi 4,4)

Dieses eschatologische Bild des Wohnens unter den Kulturpflanzen Weinstock und Feigenbaum meint aber keinesfalls nur ungestörtes Genießen und faules Nichtstun, im Gegenteil. Es meint das sichere Leben im (eigenen) Land mit der Möglichkeit, ohne Angst vor Krieg und Terror Kulturtätigkeiten wie der sorgfältigen Pflege der Feigenbäume und Weinstöcke, dieser empfindlichen Gewächse, mit Pflugscharen und Winzermessern nachgehen zu können.
Und: Zu diesen Arbeiten gehört immer auch eine angemessene Bewegung.

Auch die moderne Gesundheitsmedizin sieht in der Bewegung einen Schlüssel für unseren Weg zum inneren Frieden: in einem sinnvollen, moderaten Maß an Bewegung, bei dem man ganz bewusst und behutsam mit wacher Achtsamkeit mit sich und seinem Körper umgeht und dessen Reaktionen aufmerksam wahrnimmt. So lässt sich der Blick von den Dingen des Alltags heben und das Wesentliche kann ins Auge gefasst werden. In unserer Zeit eine nicht zu unterschätzende Form von Kulturtätigkeit.

Uns allen einen guten Start in den beginnenden Sommer!

Vera Utzschneider

(Referat Gymnasium am RPZ)

Bibeltexte: Übersetzung Helmut Utzschneider
Bild: Läufer bei den Panathenäischen Spielen (Vase, ca. 530 v. Chr.), Wikimedia Commons

" />